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Alltagskultur: Beran Berdan
Geschrieben am Dienstag, 23. September 2008 von Baran Ruciyar

Kultur

Beran Berdan, ein Fest bei den Kurden in der Region Serhed. Das Fest symbolisiert die Ankunft des Herbstes und das Ende des Sommers, in dem die Menschen hart für die Vorräte im Winter arbeiten müssen. Anscheinend ist es ein altiranisches Fest, das seinen Ursprung in der zoroastrischen Kultur hat1.

Wenn die Hirten mit ihren Herden im Herbst von den Sommerweiden zurückgekehrt sind, wird das größte Fest der ländlichen Bevölkerung gefeiert. Über dem Loslassen der Widder (Beran Berdan) freuen sich besonders die Hirten und Milchmädchen/Melkerinnen (Berîvan), mehr als über alles andere - denn an diesem Tag endet ihre Arbeit, und die Hirten erhalten ihren Lohn für die Sommerarbeit. An diesem Tag werden die Schafe in ein besonderes Stallgebäude eingeschlossen, und die Widder, die im Sommer abgesondert von ihnen weideten, werden auf sie losgelassen, damit im Frühjahr neue Lämmer geboren werden. Bei dem "Loslassen" der Widder schießen die Kurden mit ihren Gewehren, als ob sie die Hochzeit der Schafe feiern würden, und auch besondere Gerichte werden bereitet, wie Gata (süßes Gebäck) und Xûrme/Gorma (gegartes Fleisch). Dabei werden die Armen eingeladen, um an der Mahlzeit teilzunehmen. Die jungen Mädchen nehmen ihre Tücher, die eigentlich ihre Haare bedecken und binden sie um den Hals von schönen Widdern; die jungen Männern rauben dann die Kopftücher desjenigen Mädchens, welches sie lieb haben und heiraten wollen. Durch dieser Weise erahnt man welcher jungen Mann welches Mädchen während des Sommers getroffen und lieb gewonnen hat. Wenn der Vater und Mutter damit einverstanden sind, stimmt man einer Verlobung des jungen Paares zu und nach einiger Zeit wird die Hochzeit gefeiert. So gesehen, werden in dieser Zeit nicht nur die Schafe und Widder vereint sonder auch unter den Menschen werden Ehen geschlossen2.

Diese Fest wird nicht oft in der Literatur erwähnt. Wikander übermittelt einige Zitate (ev adetên kevin ên hezar salan edî roj bi roj winda dibin) früherer Kurdologen, die von dem Verschwinden dieses Jahrtausende alten Festes dessen Gepflogenheiten allmählich in Vergessenheit geraten, berichten. Derselbe vermerkt, dass dieses Fest unter den Kurden fast gänzlich verschwunden ist und fügt hinzu, dass er vor kurzem von einem türkischen Studenten aus dem Bezirk Alagoz bei Igdir gehört hat, dass dieses Fest dort unter den Kurden nach wie vor gefeiert wird. Es ist zu vermuten, dass dieses Fest sich erst unter den sesshaften Bauern entwickelt hat, da hier das Hauptelement bei der Rückkehr der Herde liegt. Im nomadischen Leben gibt es den Sinn der "Rückkehr" nicht. Der Ursprung des Festes ist damit, auch durch den zoroastrischen Charakter, der das Wahre in der Landwirtschaft und nicht im Nomadenleben sah, wohl eher in Kontext der früheren persischen Lebensweise zu charakterisieren.

Das Leben der Kurden in Alagoz ist eine Art von Almwirtschaft. Die im Pehlevi-Aveste erwähnten Gahanbar Feste scheinen alle mit einer Viehzuchtgesellschaft zusammenzuhängen, jener Lebensweise, die von der zoroastristischen Lehre gefördert bzw. gefordert wurde. Doch es ist nicht klar, wie man die Form von Almwirtschaft, die uns die iranischen Pehlevi -Texte übermitteln definieren sollte. Die Almwirtschaft der Kurden in Alagoz ist anscheinend eine neue Entwicklung, die in den letzten Jahrhunderten in Erscheinung getreten ist. Noch vor 150 Jahren erwähnen europäische Reisende und Orientalisten in der Gegend von Alagoz einige halbnomadische Kurdenstämme erwähnt; bei den Nomaden dagegen wird kein Hirt angestellt, da sie sich selbst um ihre Schafe kümmern. Der Hirte, der bei diesem Fest eine überaus relevante Rolle einnimmt, war damit nicht mit den Geschehnissen konfrontiert3. Ein signifikanter Teil der Kurden um Alagoz dagegen, war vor 150 Jahren dort meist urbanisiert und lebte in den Städten, wo man sich eine Pflege eines derartigen Festes kaum vorstellen kann.

Anderseits bereits aus der Sassanidenzeit ist bekannt, dass die Kurden als vertrauensvolle und gute Hirten (Çoban, woraus sich später der noch heute im Kurdischen gebräuchliches Term Şivan entwickelte) galten. Auch in Fars wurden früher die Kurden als Shivankara/Shabankara4 (die als Hirten tätig sind) betitelt. Dabei wurden ihnen von verschiedenen Völkern, wie Armeniern, Perser oder auch Aserbaidschanern, deren Herden anvertraut. Dies lässt darauf schließen, dass dieses Fest eng mit den Kurden verbunden ist. So kann man hier die Vermutung anstellen, dass sich früher die eher nomadisch lebenden Kurden um die Herden der Sesshaften kümmerten und diese sich mit dem Fest Beran Berdan bei den Çoban, also den Kurden, bedankten.


1Übersetzt: das Loslassen der Widder. Das Fest ist anscheinend ein altiranisches Fest, das auch im Avesta als *varşnî-harezana seine Erwähnung findet - die exakte kurdische Übersetzung von *varşnî-harezana ist Beran Berdan und Pehlevî guşn-hilîşnîh Vgl. das bei Darmessteter erwähnten Lob des guten Hirten: guşn pat yāh-i xweş a par hişt û dātihā pahrêxt (le Zend-Avesta, I, 39). Stig Wikander vermutet einen Ursprung dieses Festes in der zoroastristischen Kultur; das vierte von den großen avestischen Jahreszeitfesten heißt bekanntlich ayāthrima und wird an den meisten Stellen, wo es erwähnt wird, von den zwei Epitheta fraourvaêştrima und varşnî-harezana begleitet (vgl. Yasna 1, 9, 2, 9, Epitheta Vispered 1,2,2,2). im Pehlevi wird es gāhānbār genannt (vgl. Wikander S.: Ein Fest bei den Kurden und im Avesta, in: Orient Orientalia Seuc. XI, 1960, s. 7-10).

2Vgl. Keith Hitchins: KURDISH CELEBRATIONS In: Yashater, E. (Hrsg.): Encyclopaedia Iranica: AUTOR: Iranian Culture and Celebrations. Bd. 6, 2006.

 

3In einem Dorf nahe von Xinûs/Hinis in der Provinz Erzirum/Erzurum wurde das Fest ebenfalls gefeiert. Das Ritual hatte denselben oben beschriebenen Charakter – ein Unterschied, den man hervorheben könnte, war das Schmücken des Widder mit Obst – für die Menschen waren die Äpfel mehr oder minder das Symbol dieses Festes. Dieser Tag war auch zugleich der Abrechnungstag mit dem Hirten. Auch wenn sich viele Bewohner bei ihm über das Untergewicht ihrer Schafe oder für schlechte Auswahl der Weidenplätze beschwerten, dennoch der Mann des Tages war er ohnehin, dem man einen gewissen Respekt entgegenbrachte. (eigene Feldforschungen).

 

4Ein Stamm der Kurden war in Fars unter diesen Namen bekannt; die Shivankara leben heute noch in Kurdistan unter der Kelhur-Konföderation. In Fars dagegen ist der Gebrauch des Namens anscheinend in seiner ursprünglichen Form gänzlich verschwunden. vgl. die Shabankara. man konsultiere dazu auch Moradi, Golmorad: Kurden in der Sassaniden-Zeit zwischen 224 und 651 i.u.Z, In: Lekonîn, Hejmar 5 1997, s. 167-179.


Beran Berdan

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