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Zentralkurdistan: Botan
Geschrieben am Sonntag, 25. Mai 2008 von Baran Ruciyar

Geographie

Botan1, Bothan oder Bûthan, ist der Name eines Gebietes in Zentralkurdistan.

Man versteht darunter das gesamte Gebiet zwischen Tigris und Botan-Fluss und dem bei Meghara (kleinen) Xabûr. Dieser von den umliegenden Territorium durch mächtige Wasseradern abgeschiedene Landmasse hat die Form eines nicht ganz regelmäßigen Dreiecks, dessen Basis der Botan-Fluss, seine Nebenflüsse, den Tigris und Xabûr, fortgesetzt durch eine Linie bis gegen Shano, bilden. Im Norden grenzt Botan, an Xerzan, im Süden an Bahdînan, im Westen an Tor, im Osten an Hekarî (Chulêmerg).

Der Botan-Fluss (der Sog. östliche Tigris), welcher von dieser Landschaft, seiner Quellregion, den Namen führt, fällt, nachdem er ca. 15 km südwestlich von Siirt den von Norden fließenden Bitlis-Fluss aufgenommen hat, wenige Kilometer unterhalb bei Til in den Tigris; über die Mündungsstelle wurde durch die Reisen von R. Wünsch geographisch festgelegt. Die arabische Geographen kennen diesen Fluss unter dem Namen Wadî ´I-Zarm.

 

Botan ist ein geographischer, kein administrativer Begriff. Wie Kochgirî, Dêrsim, Tor (Tur-Abdin), Serhed, Xerzan etc., hat auch er in der türkischen Verwaltungseinteilung keinen Platz. Eine Provinz oder Landkreis Botan hat es noch nie gegeben; wenn selbst in orientalischen Werken hier und da von einen solchen die Rede ist, so liegt lediglich eine ungenaue Ausdrucksweise vor. Alle Ortschaften, die sich mit Sicherheit dem Botan zuweisen lassen, gehören einer der drei jetzigen Verwaltungseinheiten, Siirt, Sirnak und (Süd-) Van, an. Das Volk jedoch kennt für das Gebiet in der oben beschriebenen räumlichen Ausdehnungen nur die Bezeichnung Botan.

 

 

Der Name. Die heutige Aussprache dieses Namens ist allgemein Botan; die europäische Forscher schreiben auch Bootan, Bothan oder Bottan; neusyrisch: Botan. Die ursprüngliche Wortform lautet aber Boxtan, denn die besten Autoritäten (Bokhtan) (Baladhorî, S. 176; Yakût, passim, z.B. s.v. Abil, Bâz und Curdakîl; Sherefname) schreiben das Gentilivium durchgängig Buxtaîya. Das gleiche gilt von den syrischen Schriftstellern (Bûkhtaîyê); Der Name rührt sich von den Boxtî-Kurden2 her, die hier seit Jahrhunderten dort ihren Sitz haben und in früheren Zeiten als herrschender Stamm auftraten3. Nöldeke vermutet, dass dieser Name mit den bei Herodot neben der erwähnten Volksgruppe der Armenier zu identifizieren sei.  Bei den arabischen Geographen des Mittelalters kommt der Landschaftsname Botan oder Bokhtan nie vor. Stattdessen findet sich bei ihnen der etwas umfassender Terminus Zawazan. Yakût bemerkt dazu: es ist dies eine schöne Provinz (Kura) zwischen den Bergen Armeniens, Khilat (Ahlat), Diyarbakir, Aserbaidschan und Mosul; die Bewohner sind Armenier; doch gibt es auch Kurdenstämme. Von denen hebt er die Rivalen Beshnawî- und Boxtî-Kurden hervor, denen fast alle Burgen in dieser Gegend gehörten. Als Burg der Boxtî-Kurden, der Sitz ihres "Königs" galt Curdakîl.

 

 

Bevölkerung. Das Areal von ganz Botan beträgt etwa die von NRW. Hyvernat und Müller-Simons, die 1887 noch vor den letzten armenischen Wirren reisten, schätzen die Zahl der Ortschaften auf 300, was etwa 40 000 Bewohner ergeben hätte. Hartmann gibt den Namen von 269 Ortschaften, von denen ca.230 mit Sicherheit für Botan in Anspruch zu nehmen sind. Die bedeutendsten Orten sind Cizîra-Botan, das auch die Hauptstadt der Botan-Fürsten war, Siirt, Uludere und Sirnak. Die Einwohner sind heute fast ausschließlich Kurden, die, laut Lehman, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in 10 verschiedenen Stämmen zerfielen, von denen sich das Oberhaupt der Shûwa-Kurden den Titel eines Botan-Agha d.h. Herrn von Botan gaben. Daneben gibt es Nestorianer.

 

Botan wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von vielen europäischen Forschern und Reisenden besucht, die Berichte dieser Forscher; J. Rich, Layard, Sandeczki, Socin, Cernik, Schau etc., sind im Allgemeinen jedoch sehr dürftig. Auch begrenzen sich ihre Mitteilungen fast ausschließlich auf die von ihnen besuchten Uferstriche des Tigris und Botans. Ins Innere der Landes drangen nur zwei von ihnen vor; Wünsch 1883, sowie Maunsell und Buchart 1894. Mit Ausnahme einer nicht sehr umfangreichen Ebene zwischen Tigris und Xabûr ist ganz Botan von wildem hohem Gebirgen erfüllt, doch war diese Gebirgswelt bis vor kurzem eine terra incognita. Auf den Karten figuriert gewöhnlich als ihr Vertreter der ca. 4000m hohen Cûdî, der Archenberg der uralten mesopotamischen und später muslimischen Traditionen.
In der Geschichte aber spielte diese von jeher von Nomaden besiedelte Landschaft immer als ein Übergangsland zwischen dem semitischen Süden und indogermanischen Norden eine Rolle, deren politisches Gebilde abwechslungsweise als lose Grenzprovinz war, vielfach aber eine vollkommen unabhängige Existenz führte.

 

Die Stellung Botans innerhalb der türkischen Verwaltung war in frühen Zeiten wenig geregelt. Auch nach der Schlacht von Caldiran erfreuten sich die kurdischen Herren der unzugänglichen Bergschlösser einer fast unbeschränkten Souveränität. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Pforte begonnen, die Allgewalt der dortigen Kurdenoberhäupter allmählich einzudämmen und ihr Territorium der direkten Befehlsgewalt des Sultans zu unterwerfen.

Botan gilt seit dem Beginn des 29. Aufstandes von der Arbeiterpartei Kurdistans als Schlachtfeld zwischen türkischen Besatzern und jenen geworden. Seit nun mehr 20 Jahren ist die Bevölkerung ununterbrochener Bombardierungen seitens der türkischen Armee ausgesetzt. Die gesamte Landschaft anschließend auch die Wälder wurden in Brand gesetzt. Fast tagtäglich kommen Nachrichten über Operationen des türkischen Militärs aus Botan. Hinzu kommt die Aktivität des türkischen tiefen Staates: Organisationen wie die Jitem und Hizbullah und die Vertreibung der Bevölkerung sowie die Auslöschung bzw. Verbrennung der Dörfer.

Wie bereits geschrieben; der Name Botan bedeutet für jeden Kurden "Ursprung" seiner Identität, selbst Sheref hat sich davon inspirieren lassen. In der Tat, wenn man von Botan redet bzw. Cizîra Botan, kommen bei den meisten Kurden die Gedanken der Ursprungsheimat.
Man kann nur hoffen, dass dieser blutige Krieg irgendwann ein Ende findet und Botan wieder mit all seiner Pracht ohne Hindernisse vor Ort zu bewundern ist.

 

 


1Für die meisten Kurden, bedeutet ist Botan ihre ursprüngliche Heimat. Sherefname ist die älteste Quelle, die diesbezüglich in Anspruch genommen werden kann.

 

2Damit ist wohl die Konföderation der Boxtî-Kurden gemeint, welcher zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zwei Zweigen zerfiel; Shirnax und Tîya. Diese unterscheiden sich sowohl kulturell als auch sprachlich von den anderen Kurden (hier sind die Kurmancîsprachigen Kurden gemeint, denn in Botan wird ausschließlich Kurmancî gesprochen). Deren Sprache dient Heute als Literatursprache der Kurden.

 

3Die kurdische Fürsten von Botan herrschten lange Zeit über diese Region, welche laut Sheref behaupteten, amaiyadischen Ursprungs zu sein, aber sie geben als ihren Ahnherrn Xalid bin Welid an.


Botan

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