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Aufstände: Der erste Dêrsim-Aufstand
Geschrieben am Samstag, 16. August 2008 von Baran Ruciyar

Freiheitskampf

1916 fand in Kirmancîye (Zentraldêrsim) ein Volksaufstand statt. Diese in den Quellen als „der erste Dêrsim-Aufstand“ bekannte Revolte begann im März desselben Jahres und wurde rasch von den osmanischen Truppen niedergeschlagen.

Bis zur Gründung der türkischen Republik (1923) lebten v. a. die Dêrsimkurden in Zentraldêrsim, im Volksmund Kirmancîye (= Kurdistan) genannt, völlig autonom. Geopolitisch war die Region Dêrsim zwar formell dem osmanischen Reich angegliedert, de facto doch unabhängig. Grade aufgrund dessen war Dêrsim ein Dorn im Auge der Osmanen. Tatsächlich wurden die Kurden in dieser Region mehrmals von den Osmanen, mit dem Ziel die absolute Macht und Herrschaft über Dêrsim zu erlangen, vergeblich angegriffen. N. Hakki, ein türkischer Ultranationalist, der von der türkischen Republik beauftragt worden war, Berichte über Dêrsim zu schreiben, bestätigt dies: „Dêrsim wurde im 15. Jahrhundert dem osmanischen Herrscher Fatih Sultan Mehmet angeboten... Während der Sultan Yavuz Selim gegen den persischen Herrscher Schah (Ismail) in Çaldiran kämpfte, ließ er die Berge der Kizilbaş nicht unerschüttert zurück. Seit dieser Zeit gehört Dêrsim zu unserer Geographie. Aber Dêrsim schließt uns mit einer unvergleichlichen Hartnäckigkeit seine Tür von innen ab“. Um diese Tür aufzuschließen wandten die Osmanen hauptsächlich militärischen Methoden an. Folglich kam es zu zahlreichen Invasionsversuchen, denen das Volk von Dêrsim erbitterten Widerstand leistete. Eines davon ereignete sich im Frühjahr 1916: ein Jahr davor waren die osmanischen Truppen über die armenischen Bauern hergefallen. Im Gegensatz zu ihrem sunnitischen Volksleuten verhielten sich die lokalen Stämmen der Dêrsimkurden anders und waren an den Massakern und Vertreibungen der Armenier nicht beteiligt. Ganz im Gegenteil solidarisierte die lokale kurdische Bevölkerung mit den Armeniern; die Kurden im Kreis Dêrsim retteten 20. 000 Armeniern das Leben, die später über Erzingan und Erzirum nach Osten flüchteten (vgl. S. Garo, s. 153). Im darauffolgenden Jahr 1916 probten die alevitischen Kurden aus der Befürchtung heraus, sie erwarte ein ähnliches Schicksal wie die Armenier, die in den Jahren zuvor fast gänzlich Opfer eines Völkermordes geworden waren, eine kurz andauernde Revolte.

Als die Kurden in Melkiş (Çemîşgezek) von der Belagerung Erzirums durch die Russen erfuhren, lancierten sie Angriffe auf die staatlichen Einrichtungen in Kirmancîye und Xarpet. Mehrfach wurden die Kreisstädte, mit einem Regierungssitz, angegriffen und geplündert. Die sporadische Plünderungszüge beunruhigten zwar die zivil-türkische Bevölkerung in Xarpet, doch die Regierung ignorierte die Geschehnisse vorerst. Die Lage spitze sich zu, als die osmanischen Soldaten, jene Armenier die Zuflucht bei dem Volksstamm Xiran suchten, vor den Augen der Kurden liquidierten. Für Seyîd Kasim, das Oberhaupt der Xiran, ein kurmancîsprachiger Stamm in Pertege und Mezgerd, war diese provozierende Aktion entwürdigend und herabsetzend gegenüber seiner Autorität. Es heißt, er habe mit anderen Größen seines Stammes versucht, die Kurden zu einer Revolte zu überreden, da er fest daran glaubte, dass sie demnächst zur Zielscheibe der Pforte werden würden. Seyîd Kasim und seine Stammeskrieger unternahmen einen spontanen Angriff auf die Kreisstadt und zündeten sie an. Unterdessen hatten sich Anfang März 1916 bei Duzgun Baba, einem heiligen Ort der Aleviten, einige Stämme zu einem Aufstand verabredet. Der Aufstand dieser Stämme folgte parallel zu den Unruhen bei  den von Xiran. Bei diesem chaotischen und unorganisierten Aufstand wurden die Kurden offenbar auch von den Armeniern unterstützt. Einige Armenier, die sich auf eine klägliche Gefolgschaft stützen konnte, attackierten die städtischen Einrichtungen in Kirmancîye und Xarpet. Die Russen waren inzwischen bis nach Norddêrsim gekommen, deren Verbände, gegen die die osmanischen Truppen kämpften, standen nur 50km weit entfernt.

Auf die Unruhen reagierten die Osmanen binnen weniger Tagen und ließen u. a. die Hamidiye Regimenter, paramilitärische Einheiten, die aus den kurdischen Stämmen rekrutiert wurden, in Dêrsim einziehen. Unterstützt von Hamidiye Regimenter folgte eine militärische Operation der osmanischen Truppen gegen die Xiran und anderen aufständischen in Kirmancîye: vor allem aber beteiligten sich die sunnitischen Kirmanc (Dimilî) aus Palo an den osmanischen Operationen. Ein Regiment freiwilliger Kämpfer unter der Kommando von Şêx Şerîf aus Ardurek (tr. Gökdere, bei Palu), ging auf Xiran Kurden zu und bewegte sie zum Rückzug. In weniger als einen Monat neigte sich der Aufstand seinem Ende zu. Als dann auch die Stämme in Melkiş, Xozat und Pulur sich geschlagen geben mussten, bewegten sich die Stammeskrieger ins Gebirge zurück. Der nächste Aufstand sollte in 10 Jahren folgen (vgl. Qoçan).

 

 


Quellen: Rotkopf, Paul: Beobachtungen und Bemerkungen über eine kurdische Bevölkerungsgruppe, in: Jürgen Roth (Hrg.): Geographie der Unterdrückung, Hamburg 1978, s. 118-139. Garo, Sasuni: Kürt Ulusal Hareketleri ve 15 yy'dan Günümüze Ermeni-Kürt ilişkileri, Med Yayınları, istanbul 1992Dersimi, Nuri: Kürdistan Tarihinde Dersim (Dersim in der Geschichte Kurdistans), Aleppo 1952, Neudruck Köln 1988. Hayreni, Hovsep: ERMENİ KIRIMLARI VE DERSİM, URL: http://www.geocities.com/dersimsite/ermenikirimlari.html (letzter Besuch: 10.08.08). Cengiz, Seyfi, Çaldiran´dan 38´e Dêrsim davasi, URL: http://www.geocities.com/dersimsite/caldiran.html (letzter Besuch: 09.08.08). Çaglayan, Hüseyin: Kurze Geschichte Dêrsims, URL: http://www.geocities.com/dersimsite/ (letzter Besuch: 10.08.08).

Der erste Dêrsim-Aufstand

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