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Politik: Die Assimilation der Kurden im türkischen Bildungssystem
Geschrieben am Montag, 15. Dezember 2008 von rinret

Gesellschaft

„Türkische Jugend! Deine erste Pflicht ist es, die türkische Republik für alle Zeiten zu wahren und zu verteidigen. ... Die zu erziehenden Kinder und Jugendlichen müssen, was auch die Grenzen ihrer Bildung sein mögen, zuerst und vor allem gelehrt werden, dass sie alle Elemente zu bekämpfen haben, die der Zukunft, den nationalen Traditionen der Türkei und ihr selbst feindlich entgegenstehen.“ mit diesem Worten erklärte Kemal Mustafa Atatürk wie die Bildung in der neugegründeten kemalistischen Türkei vonstatten gehen solle.

Das eigentlich Ziel klang gut, nämlich das jeder Bauer, jeder Dorfbewohner innerhalb der Grenzen des türkischen Staates eine Grundbildung erhalten sollte. Der Hintergrund allerdings war ein Anderer – mit Bildung wollte man versuchen die vielen Völker, die in der Türkei leben, auf ein Volk mit aller Macht zu trimmen, sie zu assimilieren.

Schaut man auf die Situation heute, ist weder das eine noch das andere gelungen. Dabei ist das türkische Bildungssystem vor allem auf die türkischen Wert- und Moralvorstellungen ausgerichtet und weniger auf Allgemeinbildung. Schon im Kindergartenalter wird dem Schüler beigebracht, was es ausmacht, ein guter Staatsbürger zu sein. Heute kann man sagen, dass dieses Bildungssystem ein Grundbaustein zum türkischen Nationalismus bildet. Dies erkennt man vor allem in einem speziell für den Staatsgründer geschaffenen Schulfach „Atatürkkunde“, wo der Staatsgründer in allen Bereichen mystifiziert wird, oder am allmorgendliche Appell mit dem aufgesagten Vers der Schüler „Ich bin Türke, ich bin aufrichtig, ich bin fleißig...“

 

Ein anderer Punkt, warum das Bildungssystem im Osten gescheitert ist, ist neben der Assimilationspolitik auch die Ferne zur Realität des dörflichen Lebens im Osten. Das kemalistische Schulsystem setzt keine Brücke zum Leben der einfachen Bauern sondern gräbt einen tiefen Graben zwischen ihnen. Wenn es schon unter der einfachen Bevölkerung jemandem gelingt, in diesem System eine höhere Ausbildung zu erlangen, hat er meist danach keinen Bezug mehr zur Heimat, heißt zum Dorf.[i] Womit wir wieder beim erstgenannten Grund der Assimilation wären. Es ist also hier verständlich, wenn man als Kurde und Bewohner im Osten eher von der Schule fern bleibt.

Dabei war das Anfangskonzept für den Osten eher positiv zu sehen. In den 30igern etablierte man Dorfschulen und später -internate , um ein flächendeckendes Schulsystem auf dem nordkurdischen Land zu schaffen. Hinzu kam, dass vor allem dort ansässige Kurden als Dorfschullehrer ausgebildet wurden. Als pädagogische Grundlage für dieses Bildungssystem diente das von Pestalozzi. Dieser Versuch scheiterte allerdings schon in kürzester Zeit. Vor allem, da die Schulen in erster Linie die türkische Assimilation im Gepäck hatten, denen sich die Kurden mit aller Macht widersetzen zu versuchten. Aber die Türken gingen hier noch viel weiter, in dem die kurdische Sprache und Kultur als minderwertig und dreckig dargestellt wurde, etablierte man die Kurden auf die unterste Stufe der Gesellschaft, die sie nur hochklettern können, wenn sie die türkische Kultur annehmen würden. Deutlich wird das im folgenden Zitat einer Lehrerin, in dem ein Mädchen beschrieben wird, das von ihrer Mutter, die ebenfalls diese Schulausbildung absolvierte, an solch einer Schule angemeldet wurde: „„war sauber, sprach ein sauberes Türkisch, sah aus wie ein städtisches Kind. Ich war sehr berührt. Atatürks Wünsche sind Erfüllung gegangen Mit der Mutter hatten die Türkei und Zivilisation ihren festen Platz in der Familie eingenommen.“(Skubsch, S.93).

Diese Einstellungen zur kurdischen Landbevölkerung haben nicht wie erhofft den Graben zwischen kurdischer und türkischer Kultur geschlossen, in dem die Regierung hoffte, die Kurden würden damit gutwillig die türkischen Bildungseinrichtungen wahrnehmen, sondern sie haben den Graben nur noch vergrößert, da nur ein Teil sich assimilieren lassen hat und sich damit von der eigenen Kultur völlig entfremdet hat.

Die meisten Kinder, die zum Beispiel auf die eingeführten Internate gingen und dieses auch absolvierten, waren hinterher so von ihrer Gemeinschaft entfremdet, dass sie mit der Dorfgemeinde nichts mehr gemein hatten. Selbst ihre eigene Muttersprache hatten sie beim Schulabschluss vergessen. Anstatt die erlernte türkisierte Kultur ins Dorf zu bringen, hatten die ausgebildeten Lehrer nun Probleme in ihrer Heimat zu leben, was manche von ihnen sogar in den Selbstmord trieb. Tiefgreifend wirkten sich dabei auch die Internate aus. Es war bewusst gewählt, die Kinder von ihrer Familie zu trennen, um so besser auf sie einwirken zu können. Nur hat sich innerhalb der Dorfgemeinschaft keine Veränderung ergeben, dass diese Kinder am Ende scheitern mussten und nur noch als identitätsloses Vakuum in der Westtürkei leben zu können. Damit war das Projekt die Jungen von den Alten zu trennen, um mit dem Aufbau der Jugend das kurdische Problem zu lösen, total gescheitert.

Ein Beispiel für die rigorose Assimilierungspolitik ist die Region Dêrsim, wo vor allem mehrheitlich nach dem Dêrsim-Aufstand diese Einrichtungen etabliert wurden, um nach türkischer Meinung, die Kinder und Jugend auf den rechten kemalistischen Weg zu führen. Dies ging so weit, dass die Kinder gezwungen wurden, diese Schulen und Internate zu besuchen, in dem man sie mit Polizeigewalt von den Eltern wegholte und sie in solche Institutionen steckte. Haydar Işik, der so eine Dorfschule besuchte, beschreibt seine eigene Schule mit sehr drastischen Worten: „Ich war 1947 - 50 auf dem Dorfinstitut. Für Kurden hatten diese Institute nur ein Ziel: Assimilierung. Die Institute wurden im Anschluss an den Dersim-Aufstand (kurdischer Aufstand 1936-39, d. V.) gegründet. Das Dorfinstitut war wie eine Kaserne, wir wurden oft geschlagen und mussten viel arbeiten. Wir hatten Angst miteinander zu reden; selbst mit meinem Cousin, der aus demselben Dorf kam, habe ich mich nicht getraut Kurdisch zu reden ... wir waren ja Kinder, wir hatten Angst ... In dieser Schule wurde uns unsere Persönlichkeit weggenommen, unsere Kindheit wurde vergewaltigt. Unter der Angst und dem Schrecken hatten wir noch lange zu leiden. Ich möchte nicht sagen, dass die türkischen Kinder nicht geschlagen wurden, aber man hat uns Kurden gehasst. Zweimal wurde mir das Nasenbein gebrochen durch Schläge. Nur Türken sind die Herren, das wurde uns auf dieser Schule beigebracht. Das Bildungsniveau war nicht sehr hoch, wir hatten z.B. keinen Fremdsprachenunterricht, wir mussten ja auch viel arbeiten. Wenn wir im Sommer zu Hause waren, waren wir dem Leben dort entfremdet, wir haben uns für unsere Eltern geschämt.“[ii]

Ein weiterer Punkt, der erschwerend hinzukam, war der Missmut der Aghas, die in der Emanzipation der einfachen Landbevölkerung ihre Macht gefährdet sahen und deshalb großen Druck auf die Regierung ausübten, dieses Vorhaben zu beenden. So waren wohl beide kurdische Seiten nicht gerade unglücklich über die Abschaffung dieses Vorhabens. Bereits 20 Jahre nach ihrer Einführung stand das Dorfschulsystem wieder vor seinem Aus.

 

In den 60iger und 70iger Jahren zielte das Bildungssystem im Osten nicht mehr nur auf Assimilation der Kurden an, sondern man wollte damit auch die gesamte Region unter Kontrolle bringen und die noch existierenden nomadischen Stämme entgültig sesshaft machen. Außerdem argumentierte man gegen das Nomadentum, dass die Kinder während der Wanderung jedes Jahr mindestens 2 Monate in der Schule fehlen würden.[iii]

Ab den 60igern wurden vermehrt in den kurdischen Gebieten Internatsschulen eröffnet, um, schon wie in den 30igern bei der Lehrerausbildung, die junge Generation der älteren zu entreisen, um ungehindert Einfluss auf die kurdischen Kinder auszuüben. Ansprechen sollten sie vor allem wiederum die arme Landbevölkerung, da hier die Assimilierung an das türkische kemalistische System am wenigsten ihr Fortschritte zeigte. Aus diesem Grund waren die Internate von Schulgeld befreit und auch die Lehrmaterialien wurden vom Staat ohne Zuzahlung gestellt.

Diese Schulen erinnerten eher an eine militärische Lehrweise und weder die hygienischen noch medizinischen Grundvoraussetzungen waren hier gegeben. Ergebnis dieser Institutionen war, dass viele Kinder Verhaltensstörungen zeigten und sogar laut Eğitim Sen traten Kinder, die aus diesen Schulen hervorgingen, später vermehrt in der Kriminalitätsstatistik auf. Heute kann man sagen, dass ca. 70% der kurdischen Kinder diese Schulen besuchten, da ihnen aus wirtschaftlicher Sicht keine andere Möglichkeit für einen anderen Schulbesuch zur Verfügung stand[iv].

Da unter diesem System vor allem viele kurdische Frauen durchs türkische Bildungsnetz fielen[v], ließ man sich in den 90igern eine neue Maßnahme einfallen, um an diese kurdische Gruppe heranzukommen. Unter dem Motto „Lesen und Schreiben für jeden“, wurden Türkisch-Sprachkurse speziell für die kurdische Landfrau organisiert, die nebenbei noch Unterricht in Handarbeiten, wie Teppichknüpfkunst oder Hausarbeit erhielten. Auch lernte man aus dem Misserfolg der Internatsführung und etablierte spezielle Internatsgrundschulen für Mädchen. Wichtig für die Durchsetzung der kemalistischen Ideen war dies geworden, da mit dem Nichtereichen der kurdischen Frau diese als wichtiger Träger zur Erhaltung der kurdischen Kultur wurde; und da innerhalb der kurdischen Kultur es die Aufgabe der Frau war und ist, die Erziehung der Kinder zu übernehmen, gaben sie damit die kurdische Kultur an die Kinder weiter. Genau diesen Punkt wollte der türkische Staat mit den neugeschaffenen Maßnahmen unterbinden.

Allgemein kann man sagen, dass Bildung an sich, abgesehen von den Assimilierungsversuchen seitens des türkischen Staates, in den kurdischen Gebieten extrem vernachlässigt wurde. Dass es der türkischen Regierung nicht auf Bildung sondern nur auf Entfremdung der kurdischen Kultur ankam, sieht man an den bereitgestellten Geldern. Bis in 70iger Jahren gab es in Nordkurdistan fast keine „normalen“ Schulen, wenn man von den oben genannten Lehranstalten absieht. Auch bereitgestellte Lehrwerke bestanden nur aus den abgelegten veralteten Lehrwerken aus den Schulen der Westtürkei und die bestehenden Klassen waren hemmungslos überfüllt[vi]. Das Ergebnis über den Bildungsstand in Nordkurdistan ist deshalb auch niederschmetternd. Verzeichnet man in Istanbul eine Analphabetisierungsrate von 12% liegt sie dagegen im nordkurdischen Gebiet bei 50%, bei den Frauen gar bei 80%. Oftmals lernen die kurdischen Männer aus Nordkurdistan erst beim Militärdienst lesen und schreiben, was sich bis heute nicht geändert hat.

Auch das bestehen der Aufnahmeprüfungen an gute Mittelschulen, wie die Anadolu Lisesi, schaffte zum Beispiel in den 80igern kaum ein Kurde, der in seiner Heimat die Schulausbildung absolvierte.

 

Einen großen Einschnitt in das Schulsystem auf nordkurdischem Gebiet brachte der Krieg im Osten der Türkei. Zuvor waren hier vor allem türkischstämmige Lehrer in den Ostgebieten tätig, da man bei ihnen sicherer sein konnte, dass auch das kemalistische Bildungssystem nach den Vorstellungen der Regierung verbreitet wurden. Mit dem Beginn des Krieges aber flohen viele Lehrer aus dieser Region und neue Lehrer weigerten sich in diesem Gebiert zu unterrichten. Unterstütz wurde diese Weigerung auch durch Berichte, dass Lehrer von der PKK ermordet worden. Dies gab zwar kurdischstämmigen Lehrern wieder die Chance, in ihrer Heimat zu unterrichten, doch fehlten nunmehr wieder vermehrt Schulgebäude, denn mit dem Beginn der Kämpfe der kurdischen Guerillas wurden viele Schulen auf dem Land vom türkischen Militär geschlossen, da man diese als Kasernen für das Militär umfunktionierte. Außerdem flohen vor dem Krieg sehr viele Kurden in die nordkurdischen Ballungszentren, da oftmals ganze Dörfer vom türkischen Militär niedergebrannt wurden.
Die Situation in den nordkurdischen Städten war demnach katastrophal. Die Schulen dort waren nicht auf diesen Ansturm ausgerichtet. Die Klassenräume waren so hemmungslos überfüllt, dass nicht mal für jeden Schüler ein Stuhl zur Verfügung stand, von Lehrmaterialien ganz zu schweigen.

Selbst wenn es finanziell bessergestellten Kurden möglich war ihre Kinder auf besser zahlungspflichtige Schulen zu schicken, scheiterte dies oftmals an der Sprachbarriere, da die Kinder meist kein Türkisch sprachen und sich viele Schulen weigerten, vor allem in der Westtürkei, diese Kinder aufzunehmen.

Hinzukam, dass durch die Landflucht ein Durchsetzen der Schulpflicht nicht mehr möglich war. Viele kurdische Familie, auch aus politischen Gründen, wechselten sehr häufig ihren Wohnsitz oder blieben unerkannt an einem Ort wohnen. Eine Übersicht in den am Stadtrand entstehenden Gecekondus war so gut wie unmöglich und der türkische Staat war daran auch nicht interessiert. 


Quellen: Skbusch, S.: Kurdische Migrantinnen und Migranten im Einwanderungsland Deutschland. Wie werden sie von der Pädagogik und Bildungspolitik wahrgenommen. Diss. an der Univ. Essen, Essen 2000; Gündüzkanat, K.: Die Rolle des Bildungswesens beim Demokratisierungsprozess in der Türkei unter besonderer Berücksichtigung der Dimli (Kirmanc-, Zaza-) Ethnizität. Diss. an der Univ. Frankfurt/Main, Münster 1995; Dr. Neumann, R.: Zur Türkisierung der ostanatolischen Kurden. IN Kurdistan Vol. 1, 1960, S. 14


[i] Für die östliche Stadtbevölkerung ist der Graben nicht ganz so tief, da man sich hier schon eher an die westliche Lebensweise angepasst hat.

[ii] Interview Haydar Işik mit Sabine Skubsch, S.93

[iii] Auf die Idee, das nomadische Bildungssystem der Qashqai, Nomaden aus dem Iran, als Vorbild zu nehmen, was als eines der besten gilt, kam die türkische Regierung natürlich nicht.

[iv] Interessant hier ist auch, dass im östlichen Schwarzmeergebiet der Türkei auf die gleiche Weise vorgegangen wurde, denn hier lebt eine weitere Minderheit auf türkischen Boden – die Lasen.

[v] Die Schulpflicht existiert zwar seit 1924 in der Türkei, doch war sie in Kurdistan aus verschiedenen Gründen nur schwer durchsetzbar. Hinzu kam, dass vor allem die Kurden schon aus Gründen der Furcht vor dem Ehrverlust der Mädchen diese nicht auf ein Internat schickten.

[vi] Bis heute hat sich diese Lage kaum verändert, so sorgte zum Schulbeginn 2007/08 in Erzurum eine Zeitungsmeldung für Schlagzeilen, wo dringend Lehrer gesucht worden, da aus Lehrermangel einige Schulen rechtzeitig zum Schuljahrbeginn nicht öffnen konnten.


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