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Literatur/Sprache: Die Kette der Folgen
Geschrieben am Donnerstag, 27. November 2008 von rinret

Literatur Cotkar Gernas schreibt:

Kette der Folgen - ein kurdisches Märchen:

Einst, da weder du noch dein Vater, noch dessen Vater und Urvater lebten, weit vor dem Beginn der Menschenleben, und noch weiter, vor jedem Beginn - damals, als weder Sonne noch Mond, weder Anfang noch Ende zu erblicken war, da war der uralte heilige Vater allein inmitten des Ewigen - niemand konnte ihm dienen, niemand ihn anrufen, und niemand flehte um seinen Segen. Göttliche Zeiten herrschten in diesen Tagen. Kein Mensch konnte den uralten heiligen Vater mit seinen Sorgen und Schwächen belasten. Nichts gab es, was Ärgernis erregte. Und das All und Nichts waren eins im Nichtsein, so wie nichts ist, was nicht erschaffen wurde.

Allein war der uralte heilige Vater, es herrschte göttlicher Friede, Bestand und zeitliche Ewigkeit, ohne Anfang und Ende. Einsam war der Einsamste, und der Wesen Vielfalt konnte nicht der Spiegel seines Blickes sein. Weder die Himmel noch die Erden, weder Sein noch Nichtsein herrschte oder bestand. Unendliche Gedanken herrschten in dem Uralten, lösten sich aus seinem Wesen, wurden zu einem Gebilde, dem Nebel unserer Erde gleich, in dem sich Gewitter bildeten, die ohne Donnergrollen sich aufluden und entspannten.

Alsdann nahm er dieses Gebilde, rückte es von sich, umriss seine Grenzen, auf dass sie einen Raum formten, der aber ständig wuchs und wuchs - denn wer kann das Quellen der Nebel je begrenzen? - und befahl den Gedanken Gestalt anzunehmen. Und es ward. Das Linke und das Rechte. Das Oberste und das Unterste. Die Mitte und die Nichtmitte.

Und es ward doch nicht - denn es fehlten die Menschen. Jene Menschen, die darüber schrieben, spotteten und lachten, und jene Menschen, die es verehrten, liebten und achteten. Endgültig herrscht das Gesetz: Nichts ist für den Menschen erfassbar, was er nicht erfand, ehe er es wusste.

Und es ward dennoch.

Die Vielfalt der Wesenheiten, aus dem Gedankenstrom des uralten heiligen Vaters geschaffen, ergriff den Raum. Und die Einsamkeit war vergessen. Dennoch sollte er nicht ruhen, denn die Wesenheiten fürchteten sich und klagten über die Leere, die in dem Raum weilte, in dem es weder Licht noch Finsternis, weder Kälte noch Wärme gab. Nur Leere, unendlich verbreitete Leere, ohne Echo, ohne Widerhall, das war der Raum. Und es ergab sich, dass die Liebe des uralten heiligen Vaters zu seinem Werk größer war als der schmerz, der ihn ergriff ob der Undankbarkeit der ins Leben Gerufenen, und er erbarmte sich seines Werkes.

Noch in derselben Stunde schuf er das Licht, indem er seine Liebe von sich trennte und sie über den Raum stellte. Seht, kaum war das Licht geschaffen, da entstand die Finsternis. Niemand, nicht einmal der uralte heilige Vater, wusste vordem um sie, und trotzdem war sie da, geschaffen mit dem Licht, um Finsternis zu sein. In jene beiden Reiche, in das Reich des Lichtes und in das Reich der Finsternis, verteilten sich alsbald die Wesen und unterschieden sich, ohne dass man eine Trennung errichtete. Keinem wurde geboten, sich in diesem oder jenem Reiche aufzuhalten. Alle Wesen waren gleich und bewohnten gemeinsam beide Reiche. Und niemand gebot oder befahl. Das war die erste Tat in der Gezeiten Runde, geschaffen aus der Kraft des uralten heiligen Vaters, um ewig zu sein.


Quelle: Hilmi Abbas - Das ungeschriebene Buch der Kurden


Die Kette der Folgen

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