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Yeziden: Die Schamsi (Şêmsî)
Geschrieben am Montag, 22. September 2008 von Baran Ruciyar

Religion rinret schreibt:

Kurdistan ist, wie auch Herr Bruinessen zu sagen pflegt, „das Land der Heterodoxie“. Die Heterogenität in der religiösen und linguistischen Landschaft Kurdistans ist selbst für orientalische Verhältnisse äußert vielfältig.

Die Anzahl der Religionen und gesprochenen Sprachen bzw. Dialekte in Kurdistan scheint selbst für manch einen Wissenschaftler bisher ziemlich verwirrend gewesen zu sein – da die meisten ihrer Versuche, die Kulturdiversität in Kurdistan auf wissenschaftlicher Ebene zu erklären, fehlgeschlagen sind.

Viele Elemente dieser einzigartigen „Kulturen-Insel“ gingen in den vergangenen Jahrhunderten durch ständige ethnische und religiöse Auseinandersetzungen sowie durch die Besatzermächte provozierten innerkurdischen Konflikte, verloren.

Wenn man den westlichen Quellen glaubt, sind einer dieser gänzlich verschwundenen Elemente, in religiöser Hinsicht, die Şêmsî (Shemsi, Schamsi, gelesen: Scheemsii). Das Wort Şêmsî leitet sich vom Arabischen “Şems“ ab und bedeutet (“Sonne“) und die Şêmsî gelten auch als Sonnenanbeter[1]: „die Şêmsî beten die Sonne bei jedem Sonnenaufgang an, außerdem haben die Kühe und Ochsen einen besonderen Stellenwert in ihrem täglichen Leben und werden von ihnen verehrt.“

1818 hatte Prof. Guiseppe Campinile die Gelegenheit, einige Dörfer in Tor[2], wo die Şêmsî lebten, zu besuchen. Er stellte bei seinen Beobachtungen fest, dass die Şêmsî einer christlichen Assimilation ausgesetzt waren, die wie folgt zu erklären ist. Sowohl Campinile als auch Southgate, der 1937 bei den Şêmsî war, berichten von folgender Geschichte:

Bis zu der Zeit als der Paşa von Mardin auf die Şêmsî aufmerksam wurde, lebten sie unter sich selbst in ihren Dörfern und praktizierten frei ihre Religion. Doch dann sandte der Pasha seine Leute, um sie zum „rechten“ Glauben zurückzuführen. Ihre Antwort soll gewesen sein: „Wir kennen keine Religion wie die eure, sei es Islam, Christentum oder Judentum, wir beten die Sonne an.“ Einige unter ihnen konvertierten jedoch zum Islam, anderen wurden in die Stadt gebracht und zum Tode verurteil.[3] Ein jakobinischer Geistliche hätte daraufhin sie von dem Paşa abgekauft und sie zum Christentum bekehrt. Fortan sollen sie offiziell als Syrier registriert worden sein, obwohl sie ihren Glauben heimlich innerhalb der Syrischen Gemeinde pflegten.[4] Sie ließen ihre Kinder taufen und heirateten in einer Kirche aber, sie heiraten sie nur untereinander. Jedoch sollen sie noch im geheimen ihre alten religiösen Riten praktizieren, dies bestätigt auch V. Minorsky[5] , der die Şemsî als Reste einer alten heidnischen Religion sieht. So erzählen Southgate aber auch Campinile, dass die christlichen Priester zwar immer bei einer Şêmsî-Beerdigung dabei sein wollten, aber von der Bevölkerung nie geduldet wurden.

 Die Şêmsî selbst als auch ihre Nachbarn behaupten, dass sie ursprünglich aus Indien ausgewandert sind, andere wiederum betrachten sie als arabische Sklaven, denen es gelang, nach Kurdistan zu fliehen.[6]

Eine wundersamere Geschichte beschreibt dagegen der polnische Reisende, der 200 Jahre, 1612, früher nach Kurdistan reiste. Ihm zufolge sollen die Şêmsî auch in Diyarbakir /Amed gelebt haben. .“..eines außerhalb des Mardîn-Kapi stehender Tempel, soll den Şêmsî gehören, in dem jeden Samstag eine Versammlung dieser stattfindet – es wird gesoffen, gebettet dann werden die Lichter ausgelöscht und eine unbeschreibliche Orgie setzt ein.“ [7] Auch hier soll es einen ähnlichen Fall gegeben haben wie 200 Jahre später in Mardin. Der Mîrê Mîran von Dîyarbekr soll die Şêmsî zu sich gerufen haben und ihnen deutlich gemacht haben, dass ihr Aberglaube in der Stadt nicht mehr gesehen werden will! Und ihnen die Frage gestellt wurde, ob sie nun Armenier oder Muslims sind, darauf sollen sie mit „Wir sind Armenier“ geantwortet haben und fortan die armenische Kirche in Dîyarbekr besuchten.[8] Auch hier muss es zu einer Assimilation gekommen sein, denn Simeon gibt an, dass diese Şêmsî ausschließlich Armenisch sprechen.[9][10]

So kommt wohl auch Hrand D. Andreasyan zu seiner These, dass die Şêmsî ursprünglich Armenier gewesen seien, die von den armenischen Königen jahrelang verflucht und verfolgt wurden, bis sie in Dîyarbekir und Merdîn zuflucht fanden, wo sich durch Vermischung armenischer und kurdischer Elemente zwei neue Glaubensrichtugen, die der Şêmsî und Eziden, herausbildeten.
Hierzu passt die These von Alfons[11], der die Ezidi als Armenier anführt. Auch bei Izady wird ein kurdisch-ezidischer Stamm Namens Mendikan erwähnt, der auch in den altarmenischen Quellen als Mendukian erwähnt wird. Natürlich sind diese Behauptungen mit Vorsicht zu genießen, aber auch erwähnenswert.
Über die Şêmsî in Mardin schreibt Southgate, dass sie eine arabischsprechende Gemeinschaft wären, was wiederum durch Assimilation zu erklären ist. Élisée Reclus[12], 1881, dagegen sieht in den Şemsî die Ezidi und nennt sie auch Kurden.
Dagegen behandelt Prof. Guiseppe Campinile in seinen Artikel die Şêmsî getrennt von den Eziden, doch leugnet auch er nicht, die bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen diesen beiden Glaubensrichtugen.[13]
Theophilus Waldmeier[14], 1886, nennt uns zwei Splittergruppen unter den Christen in dieser Gegend, zum einen die Şemsî (Shemsieh) und zum anderen die „Kamarieh“, die den Mond anbeten würde.
Interessant bleibt die Beschreibung über die Verehrung der Kühe, die man aber auch in einem Mythos beim Stamm der Cêlkî wiederfindet, der den Ursprung ihres Stammesname wiedergibt.

In der Erzählung geht es um Piralî, einem Derwish, der zu einem Christen kam und in dessen Schafherde hütete. Während dieser Zeit verbrachte Piralî Wunder. Doch die Dorfgemeinschaft glaubt íhm erst nach einer Prüfung. Sie luden ihm zum Essen ein und schlachteten eine Kuh ihm zu Ehren. Am Ende des Gastmahls, erweckte Pirali diese Kuh wieder zum Leben, und sie spazierte aus dem Haus.Seit dieser Zeit, sollen sie sich in Celkî umbenannt haben.[15]
Wie vielfältig die Einflüsse verschiedener Kulturen und Religionsgemeinschaften in Kurdistan sind, sieht man auch bei den Yarsan.

Mythologische und religiöse Symbole, die in der Kunst der späten hurritischen Dynastien verwandt wurden, wie bei den Mannäern und Kassiten Ostkurdistans und den Lullu des Südostens sind teilweise noch immer in den althergebrachten kurdischen Religionen des Yazdanismus, heutzutage besser bekannt durch seine verschiedenen Glaubensrichtungen wie Aleviten, Eziden und Yarisanismus (Ahl-i Haqq), zu beobachten.

Izady sieht den Yazdanismus als Urreligion der Kurden an[16] So kann die Religion um Zardusht, auch Anbeter der Sonne, ebenso Einfluss auf die Şêmsî genommen haben, oder sie lebten die Reste dieser Religion weiterhin aus.


[1] V. Minorsky: E.I. „Mardin“

[2] syr. Tur-Abdin, ein Gebiet in der heutigen Provinz Mardin

[3] Southgate: Narrative of a tour through Armenia. 1840, S. 284ff

[4] Bayrak, Mehmet: Alevi Kürtler. 1997: 271-75

[5] V. Minorsky:E.I. „Mardin“

[6] Bayrak und Southgate

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] Hrand D. Andreasyan, Polanyali Simeon´un Seyahatnâmesi, Istanbul 1964. S. 100

[10] Vermutlich sind die Şêmsi auch in den von Blau beschriebenen Swiçî am Ararat wiederzuerkennen (ZDMG12:614ff.)

[11] Religionsgeographie von Persien 1971: 132

[12] Reclus, Élisée: The earth and its inhabitants. 1891, S.177 u. 215

[13] Bayrak

[14] Waldmeier, Th: The Autobiography of Theophilus Waldmeier. m1886, S. 248

[15] khaliljindy.com (letzter Besuch: 01.06.08)

[16] Izady 1992;74


Die Schamsi (Şêmsî)

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