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Fürstentümer: Die kurdischen Bergemirate von Tripoli
Geschrieben am Montag, 24. März 2008 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen

In Syrien hielten sich die kurdischen Stammesgruppen wie im Kurdistan hauptsächlich in den höheren Lagen auf, wo sie ungestört der Weideviehzucht und ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen konnten. Für die kurdische Geschichte besonders bedeutsam ist das zerklüftete, unzugängliche Küstengebirge des Libanon, wo verschiedene ethnische und religiöse Minoritäten nicht nur ihre kulturelle Autonomie besser wahren konnten, sondern auch vom osmanischen Staat eigens zu lokalen, halbautonomen Steuer- und Polizeipräfekten (Mukataaci) bestimmt wurden. Die Canpolat (Jumblatt) und auch die Ma‘n gehören zu den wichtigsten dieser Emirs-Familien kurdischen Ursprungs; beide konvertierten nach ihrer Einwanderung in den Südlibanon zum Drusentum und dominierten über viele Jahre die lokale Stammes- und Steuerpolitik. Die weniger bekannten Sa‘b, ebenfalls kurdische Einwanderer, zählten im 18. zu den wichtigsten zwölferschiitischen Steuerpächtern des südlibanesischen Jabal-‘Amil-Gebiets, konnten sich jedoch langfristig nicht gegen die mächtigeren Shihabi-Emire behaupten.

Diese Emirate sind in unzähligen osmanischen Finanzdokumenten belegt, können aber aufgrund ihrer raschen Assimilation in die libanesische Feudalgesellschaft nicht einer "kurdischen" Geschichte im engeren Sinne zugerechnet werden. Anders ist es mit einigen Familien der Provinz (Sancak) Tripoli, die noch im 18. Jh. ausdrücklich als "Kurden" identifiziert wurden. Wohl am bekanntesten ist das Emirat von al-Kura (Ra's Nahhash), dessen Nachfahren die Ayyoubi im heutigen Nordlibanon sind. In den Gerichtsakten von Tripoli sind die namentlich nicht weiter bezeichneten al-Kura-Kurden sogar die einzige lokale Stammesgruppe, deren Führer offiziell mit dem militärischen Titel "Emir" belegt werden; faktisch unterstanden sie jedoch seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. der weit bedeutenderen H?amada-Steuerherrschaft. Die zur libanesischen Zwölferschia gehörenden Hamadas ließen ihnen gewöhnlich den al-Kura-Bezirk als Unterpacht und bürgten für ihre Schulden, was bisweilen auch zu Spannungen und Rechtsklagen zwischen den zwei Clans führte.12 Andrerseits konnten die al-Kura-Kurden in die Hamada-Familie einheiraten und wurden in den 1740ern und 50ern wiederum zu deren Fürsprechern und Garanten vis-à-vis den osmanischen Behörden.13

 

Überhaupt scheint das kurdische Emirat um die Mitte des 18. Jh. einen bedeutenden Aufschwung erlebt zu haben. 1740 bekam Emir ‘Alî bin Hessan el-Kurdî (dem Anschein nach ein Neffe des Hauptemirs Ehmed bin Mûsa el-Kurdî) zusammen mit einem christlichen Partner die Steuerpachten für die Bezirke ‘Akkar und ‘Anfa übertragen, nachdem die vorhergehenden Pächter wegen "Schurkerei" entlassen worden waren.14 Über die nächsten Jahrzehnte kontrollierten die Mûsa und Hessan Zweige des Emirats entweder im Wechsel oder gemeinsam den gesamten Bezirk al-Kura so wie verschiedene Teilpachten in ‘Anfa und al-Zawiya in den Bergen oberhalb Tripoli.15 Wie fast alle lokalen Mukataaci mussten die kurdischen Emire jedes Jahr eine(n) Familienangehörige(n) als Geisel in der Zitadelle von Tripoli hinterlassen, bis der Pachtbetrag abbezahlt war; 1745 schaffte es jedoch Qasim (wohl der spätere Hauptemir Qasim bin Hessan el-Kurdî) durch Bestechung des Burgkommandanten dieser Haft zu entfliehen.16 Seinem Bruder Omer wurden die Pachten von al-Kura und ‘Anfa noch im Jahr 1764 zugewiesen, danach verschwanden sie auf ungewisse Zeit aus dem Besitz der Familie.17 Das kurdische Feudalwesen im Libanongebirge hat in der Geschichtswissenschaft bislang sehr wenig Beachtung gefunden18 und kann auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit nur bruchstückhaft anhand einzelner Dokumente angesprochen werden. Bei etlichen Stammesgruppen der frühen Neuzeit lassen sich kurdische Ursprünge weiterhin vermuten aber nicht eindeutig nachweisen, so z. B. bei den Sêfe, eine Emirsdynastie aus ‘Akkar und ab 1579 Gouverneure des ganzen Eyalet Tripoli, die in den klassischen Schriftquellen als Kurden bezeichnet werden aber einst der turkmenischen Zulkadir-Konföderation angehörten; oder bei den Se‘ir, ein obskurer, anscheinend aus Nordsyrien zugewanderter zwölferschiitischer Stamm, der im 17. Jh. sowohl mit den al-Kura-Kurden wie mit den Sêfe engste Beziehungen unterhielt.

 

Einen besonders interessanten Fall bietet die Mer‘ebî-Familie, die bis ins 20. Jh. über den ‘Akkar-Distrikt im äußersten Norden des Libanon herrschte. In einer sehr detaillierten Studie zur Geschichte des ‘Akkar hat Faruq Hublus ihre Karriere als osmanische Steuerpächter aufgezeigt und dabei gefolgert, dass die Mer‘ebî entgegen früherer Auffassungen nicht einem älteren kurdischen Geschlecht in Tripoli entstammten, sondern erst 1715 aus Aleppo herzogen und vermutlich arabischen Ursprungs waren.19 Diese Einschätzung stützt sich jedoch vorweg auf ein fehlerhaft aus dem Türkischen übersetztes Dokument der Tripoli Gerichtsakten, nach dem es in Wirklichkeit nämlich ein osmanischer Wesir und nicht der Mer‘ebî-Ahnherr Sedîd el-Nasir war, der (um 1714) auf dem Weg von Aleppo nach Sayda ein paar Tage in Hisn al-Akrad kampierte: Zu dieser Zeit besaßen Sedîd und seine Verwandten schon die Steuerpachten von ‘Akkar, Hisn und sogar Safita, und Sedîd beeilte sich an die Seite des Wesirs, als dieser wiederholt sein Vorhaben kundtat, den Gouverneursposten von Tripoli zu erlangen und damit die gesamte Region über mehere Jahre in Unruhe versetzte.20 Die Mer‘ebî genossen nicht ununterbrochen die Gunst der Behörden: 1741 erscheinen Sedîd und seine Söhne Silheb und Ismeîl auf einer Liste von 38 mehrheitlich turkmenischen Rebellen, die ein Jahr zuvor vom Wadi al-H?udhur aus den Steuerbezirk Safita angegriffen und terrorisiert hatten.21 (Dies erklärt wahrscheinlich auch, warum die ‘Akkar-Steuerpacht in diesem Jahr den al-Kura-Emiren übertragen wurde; siehe oben.) Ungewiss bleibt, ob der osmanische Staat die Mer‘ebî je als spezifisch kurdisches Emirat wie das von al-Kura betrachtete; sicher ist jedoch, dass sich die Notabeln des ‘Akkar noch immer heute ihrer ethnisch kurdischen Herkunft rühmen und sich wenigstens bis in die 40er Jahre durch ihren andersartigen Dialekt und ihre kurdischen Trachten auszeichneten.22

 


7 SD 20: 293.

8 Tripoli 4/1: 68, 107.

9 Reilly 2002: 59, 114.

10 Tripoli 7: 5; Tripoli 8: 171, 329.

11 Reilly 2002: 33, 104, 114; zu den Berazî in Nordsyrien vgl. Zakariya 1983: 670-672.

16 Tripoli 8: 317.

17 Tripoli 18/1: 49, 51; Tripoli 18/2: 41.

18 Vgl. Ahamad 1995: 43-61 und al-Ahamar 2001.

19 Hublusa 1987: 284-288.

20 Tripoli 4/1: 104, vgl. H?ublus 1987: 391-392. N. b.: Die Band- und Seitengaben zu den hier zitierten Gerichtsakten entsprechen denen der Universität Tripoli und weichen z. T. von H?ublusa' Notiersystem für die Originalkopien ab.

21 MD 148: 22.

22 Gilsenan 1996: 12-13, 74; Zakariya 1983: 657-658.

 

 

Quelle: WINTER, Stefan. « Die Kurden Syriens im Spiegel osmanischer Archivquellen » dans Siamend Hajo et al. (dir.), Syrien und die Kurden : Vom Osmanischen Reich bis in die Gegenwart (Münster : Unrast, 2008 ; sous presse).


Die kurdischen Bergemirate von Tripoli

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