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Aufstände: Elîşêr
Geschrieben am Dienstag, 04. November 2008 von Baran Ruciyar

Freiheitskampf

Elîşêr Efendî, der Löwe des Ali, der orientalische Ausdruck „Efendî“ Herr, ist, eine nachgestellte Anrede für Leute verschiedenen Ranges, als Xanimefendî auch für Frauen. Aus Respekt vor seinen Taten wurde er „Elîşêr Efendî“ genannt. Elîşêr war Dichter, Hozan, Literat und eines der charismatischsten Anführer der kurdischen Freiheitsbewegung.

Seine Eltern entstammten aus dem Stamm der Hesenan, ein alevitischer Zweig des kurdischen Hesenan-Stammes in Dêrsim. 1882 wird er in Azgêr, ein Dorf im ehemaliges Qoçgirî-Territorium, geboren. Nachdem er in Sivas sein Studium absolvierte, wird er von Mistefa Paşa, das Oberhaupt des großen Qoçgirî-Stammes als Schreiber (Sekretär) angestellt. Er heiratete Zarîfe (eigentlich Zefê) Xanim; die beiden waren Verwandt und nannten sich gegenseitig liebevoll Hevalo Freund und Hevalê Freundin. Das Paar hatte keine Kinder.

 

Qoçgirî. Während seiner Zeit in Qoçgirî wird Elîşêr von den Stämmen geliebt und respektiert und versucht immer wieder die zerstrittenen Stämme untereinander zu versöhnen. Er ist auch politisch sehr aktiv. Bestrebt eine Einigkeit zwischen Stämmen herzustellen, ist Elîşêr in dieser Zeit wie eine Brücke zwischen Dêrsim und Qoçgirî. Zusammen mit Nûrî Dêrsimî und Elîşan Beg versucht er das Volk für eine nationale Bewegung zu organisieren. Die Kurden sahen in der Präsenz der Russen ihre Chance, ihr Schicksal selbst in die Hand zunehmen. 1914 nimmt Elîşêr Kontakt zu den Russen auf und baute ein gutes Verhältnis zu den Armeniern auf. Als die Russen sich nach der Oktober-Revolution aus Lazistan und Kurdistan zurückzogen, wurde der armenische Aufstand niedergeschlagen und die Versprechungen an die Kurden vergessen. Die Kurden unter der Führung von Elîşêr, Elîşan Beg, Heyder Paşa und Nûrî Dêrsimî beschließen daraufhin, einen bewaffneten Aufstand zu proben. In einer der zahlreichen Konferenzen zwischen führenden Persönlichkeiten aus der Gesellschaft der Dêrsimkurden, wird Elîşêr die Aufgabe übertragen, die Stämme des südwestlichen Dêrsim, Südqoçgirî und Meledî für einen möglichen Bewegung zu organisieren. Angekommen in Pulur vertreibt er den osmanischen Verwaltungskader aus diesem Ort.

 

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Elîşêr und Zarîfe in den Dêrsimbergen

 

 

Dêrsim. Spätestens in Dêrsim entwickelt sich Elîşêr zu einer Führerpersönlichkeit in der damaligen kurdisch-alevitischen Gemeinde. Getrieben durch seinem Glauben an die wohl mögliche Unabhängigkeit Kurdistans, ist Elîşêr im Wettlauf mit der Zeit. Er besucht nacheinander die Oberhäupter der Stämme auf und versucht sie zu einer Beteiligung an der Bewegung zu überreden. Gleichzeit nimmt er 1919 Kontakt zu der damals von Seyîd Evdilqadîr angeführten kurdisch-nationalistische Organisation „Kürdistan Teal-i Cemiyeti“ auf. In einem Brief aus demselben Jahr verkündet Elîşêr die Loyalität der Dêrsimkurden an diese Organisation. Durch Propaganda zu Gunsten der kurdischen Bewegung gelingt es ihm die Stämme gegen die Türken zu mobilisieren. Etwa ein Jahr später, 1920, beginnt die kurdische Volksbewegung in Qoçgirî. Elîşêr ist einer der Anführer dieser Bewegung (vgl. Koçgirî-Aufstand). Mit einigen Stammesführer aus Westdêrsim greift er mehrmals die Regierungshäuser in der Region Qoçgirî vergeblich an. Der Aufstand wird niedergeschlagen und Elîşêr, ist gezwungen sich nach Dêrsim zurückzuziehen. Seitens der Regierung in Ankara wird gegen ihn die Todesstrafe ausgehängt. Fortan beginnt für Elîşêr und seiner Gattin Zarîfe das Leben in den Bergen von Dêrsim. Bis zu seinem Tod 1937 bleiben Elîşêr und Zarîfe in Dêrsim bei Seyîd Riza, der ihnen Unterschlupf gewährt. Anscheinend hielten sich Elîşêr und Zarîfe Xanim 16 Jahre lang in der Reichweite des Seyîd Riza auf und wurden von ihm beschützt. In diesem Abschnitt seines Lebens sehen wir, dass er seine Briefe als „Oberhaupt der Qoçgirî-Stämmen“ unterschreibt.

 Dêrsimî nach war Elîşêr ein ausgezeichneter Kämpfer und Ideologe, aber auch ein guter Dichter und Sazspieler; vor allem kurdischen Gulbang und Beyt komponierte er, und Tankut zufolge wäre er sogar der erste in dieser Hinsicht. Doch werden gegenwärtig nur wenige seine Gulbang und Beyt auf kurdisch gesungen. Bayrak weist darauf hin, dass sie ins Türkische übersetzt wurden. Der Grund sei, das Sesshaftwerden der kurdisch-alevitischen Bevölkerung in den 40iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bekanntlich nahmen viele kurdische Aleviten, zuletzt auch durch Assimilationszwang des türkischen Regimes, die türkische Sprache an und übersetzten ihre kurdischen Gulbangs ins Türkische. Elîşêr beherrschte auch auf überragender Weise die turkmenische Sprache. Viele seiner Gedichte sind in dieser Sprache verfasst.

 Seine Gedichte sind der Spiegel seiner Seele. Sein Lyrik ist nationalistisch geprägt aber auch religiös-mythologische Wesen der kurdischen Aleviten werden angesprochen. Seine innerlichen Emotionen thematisiert und präsentiert er in seinen Gedichten:

Kurdistanin Ordulari,

kahr eyledî Barbarlari,

Vatan içîn öleceghîz,

îstemeyîz Moghulari!

 

Erê Dilo yeman yeman,

Çîya girtu mij û dûman,

Me´ra bişîn Şahê Merdan,

Ew dermanê hamû Derdan!

 

Die Armeen von Kurdistan

haben die Barbaren vernichtet,

wir werden für die Heimat sterben

die Mongolen (hier sind die Türken gemeint) wollen wir nicht!

 

Ja Herz ach ach,

die Berge wurden mit Schnee bedeckt,

schicke uns Şahê Merdan (Ali),

er ist das Allheilmittel!

 

 

Seine Verbundenheit zu Dêrsim ist in jedem Gedicht von ihm zu spüren. Dêrsim ist die Heimat der Löwen, Füchse können nicht rein – schreibt er. Anscheinend ist mit Füchsen wieder einmal die türkische Armee, die bis 1938 keine Autorität in Dêrsim hatte, gemeint:

Mein Herz, lass uns in die Berge von Dêrsim gehen
Was für eine schöne Heimat ist die Erde Dêrsims
Verfolgen wir das Band des Sultans
Was für schöne Blumen hat das rosige Dêrsim

 

Viele Sultane sind auf diese Erde gekommen
Um das zu nehmen, haben sie falsche Hoffnungen gehegt
Jeden Einzelnen hat es auf eine andere Weise verjagt
Die Ahnen und Linien der Nachfahren von Dêrsim sind nicht unterbrochen

 

Wenn sich jemand auf die Erde Kurdistans begibt
Sofort eilt es zur Hilfe und ist da
Voller Begeisterung; wie ein Blitz schlägt er ein
Und räumt alles weg, das Volk von Dêrsim

 

Er hat viele Helden, mit Schwertern behängt
Ganz Kurdistan ist der Unterstützung sicher
Die Jünger schützen sieben Staaten
Gott sei dank, man kennt den Ursprung des Volkes aus Dêrsim.

 

 

Die Stämme Dêrsims waren Elîşer´s einziges Rückrat: Man sagt, dass die Osmanen alljährlich Dêrsim angegriffen haben, um ihren Anspruch auf Steuern dort geltend zumachen. Auf dem heiligen Berg Tujik wurden sie jedes Mal durch Stammeskrieger verhindert, Dêrsim einzunehmen.

Die Stämme sind großzügig im Namen der Gerechtigkeit
Der Berg Munzur steht dort zum Anbeten
Sein Herz nennt man den Berg Tujik
Sicher werden die Kugeln aus Dêrsim geschossen.

 

 

Aber die Stämme stellten nicht selten ökonomische Interessen in den Vordergrund. Besonders die Ärmsten unter ihnen wechselten spontan die Seite. Alle Stämme in Xozat und Pulur hatten vor der Rebellion in Qoçgirî Elîşer den Versprechung gegeben, dass sie mit ihm kämpfen werden, doch als es begann, sah man viele von ihnen plötzlich auf der Seite der Türken:

Sie beschwören den Apfel

und dem Schwert des Heiligen (Ali)

Schon wieder haben sie ihre Pfeile gezogen

Wir werden uns den Räubern nicht anpassen.

 

 

Elîşêr schrieb auch politische Gedichte. Während des Qoçgirî-Aufstands wurden die kurdischen Aufständischen von türkischen Bauernbanden, vor allem aus der Schwarzmeerregion, angegriffen. Atatürks Haltung den Kurden gegenüber war geprägt von Ablenkungen und Überredungsversuchen. :

Sari paşa

Çetelerden sonra girip savaşa

Geçmiştir başa

Bizi oyalamakla

Başlamış işe”

 

Der blonde Paşa `Atatürk`

beteiligt sich erst nach den Banden am Krieg

hat sich an die Spitze gesetzt

und lenkt uns ab.

 

 

Neben all diese Fähigkeiten studierte Elîşêr auch die kurdische (Soranî) Version des Şerefname und übersetzt sie in das Kurmancî-Kurdische; seine Übersetzung wurde im Rahmen der 400-Jahr- Şerefname-Feierlichkeiten veröffentlicht.

Als 1937 die kurdische Bewegung in Dêrsim anfängt, eilen Elîşêr und seine Frau Zarîfe sich an der Seite von Seyîd Riza zustellen. Am 9. Juli 1937 werden sie von Reyber Qopo und Zeynel Top, die von der türkischen Regierung gekauft waren, in einer Höhle in Westdêrsim heimtückisch ermordet und geköpft.

 


Quellen: Çiçek, Evin: Koçgiri Ulusal Kurtuluş Hareketi, APEC Stockholm 1999. Mehmet Bayrak: 18-19. Yüzyıllarda Dersim- Malatya Hattında Alevi Katliamları, Alevilerin Sesi Dergisi, Vol:114. Cemşid Mar (Ozan Telli): Koçgiri Destanı, Özge yay. Ankara, 1992. Dersimi, N: Kürdistan Tarihinde Dersim, Halep, 1952 & Hatiratim, Doz Yayinlari Ankara 1997. Nazmi, Sevgen; Yakın tarihin esrarla örtülü hâdiseleri ve Koçkirili Alişir, In: Tarih Dunyasi Tarih: Vol. 9, August 1951. van Bruinessen, Martin: The debate on the ethnic identity of the Kurdish Alevis, In: Krisztina Kehl-Bodrogi, Barbara Kellner-Heinkele and Anke Otter-Beaujean (eds), Syncretistic religious communities in the Near East. Leiden: Brill, 1997, pp. 1-23. http://serefname.com/ (letzter Besuch: 29.07.08).


Elîşêr

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