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Altertum: Frühgeschichte der Kurden
Geschrieben am Sonntag, 14. September 2008 von Baran Ruciyar

Allgemeine Geschichte Dîlan G. schreibt:

Lange bevor die Kurden als Volk selbst aktiv auf den Schauplatz der Geschichte treten, zwei Jahrtausende vor ihrer eigenen, legendenhaften Entstehung, geben bereits andere Völker Nachrichten und Berichte von Stämmen aus den Bergen des Zagros und Taurus.

Zuerst die Sumerer im 3. Jahrhundert v.Chr., später dann auch die Babylonier und Assyrer erwähnen in ihren Keilschrifttexten das Volk der Guti (Gutäer), Qurti oder Kurtier ihr Land bezeichnen sie als Gutium, östlich des Tigris beginnend und sich über das gesamte Bergland ausdehnend. Sumerische Steinschwellen nennen ein Land Kar-da (oder Qarda), das sie südlich des Van-See lokalisieren, »neben den Leuten von Su«. Dieses Su könnte jene spätere kurdische Festung Suy bezeichnen, die in der ersten kurdischen Chronik Sherefname, gelegen in der Nähe der Stadt Bitlis, erwähnt wird.

Nach M. Müller wird ein Land Kar-da auch in einer Inschrift erwähnt, die Irnanna, der mächtige Oberwesir des sumerischen Königs Schusin, um 2000 v. Chr. auf zwei Türangelsteinen eines Tempelbaus in Girsu (dem heutigen Tello) in Südirak anbringen ließ.

Neben der Aufzählung seiner Titel und Funktionen ist dort erwähnt, dass er Militärgouverneur von Urbilum - dem heutigen Erbil -, Bezirksstatthalter von Hamazi und Karahar und Militärgouverneur der Su-Leute und des Landes Kar-da gewesen sei. Die genannten Orte und Gebiete liegen alle im Osttigris-Gebirge zwischen dem oberen Zab im Norden, dem Oberlauf des Diyala im Süden und dem Kamm des Zagros-Gebirges im Osten.

Vergleicht man diese sumerischen Zeugnisse miteinander, so ergibt sich mit dem Land Kar-da ein Territorium, das heute im wesentlichen die Zentralgebiete Türkisch- und Irakisch-Kurdistans darstellt.

Das Land Gutium oder Kar-da wird häufig in frühen Keilschrifttexten erwähnt. Anlass mögen vor allem kriegerische Auseinandersetzungen gegeben haben, denn die Könige der Guti oder Kurdie werden als mächtig und gefürchtet beschrieben, demzufolge schien es sich bereits um ein größeres und kriegerisches Volk zu handeln, das einen nicht unwesentlichen Machtfaktor in der Region bildete.

Der sumerische König Sargon 1. (ca. 2330-2280) ließ um 2350 v. Chr. voll Stolz auf einer Tafel festhalten, dass er das Land Gutium erobert habe. Und einer seiner Nachfolger pries sich, Aufstände der Guti in den Bergen unterdrückt zu haben. Vermutlich stellten die Berge für die an Ebenen gewöhnten Sumerer auch ein militärisch schwer zu lösendes Problem dar,, denn die Guti erhoben sich fortwährend gegen die Sumerer, besiegten sie schließlich 2150 und bildeten runde einhundert Jahre die Vorherrschaft in einem Gebiet, das etwa dem heutigen Zentralkurdistan entspricht. Dieses Reich zerbrach jedoch bald wieder, aber babylonische und assyrische Könige haben immer wieder gegen dieses (eroberte) Bergvolk, das sich ständig erhob, gekämpft.

Sei es, weil sie sich generell weigerten, fremde Oberhoheiten anzuerkennen, weil sie den ihnen auferlegten Abgaben nicht nachkamen oder sich sträubten, Rekruten für die babylonischen oder assyrischen Heere zu stellen. Deren Könige antworteten darauf in der Regel mit neuerlichen Überfällen. So rühmt sich um 1100 v. Chr. der Assyrerkönig Tiglatpileser (1115-1076) auf einer Schrifttafel des militärischen Sieges über die Völker der Guti.

Manche Historiker nehmen an, dass die Guti (Gutäer) aus dem Zagros-Gebirge die Vorfahren der Kurden seien, ihr Land Gutium oder Kar-da somit das erste kurdische Staatsgebilde. Diese These lässt sich allerdings wissenschaftlich nicht belegen.

Ebenso verhält es sich mit dem Verweis auf die Lulubi (Lulubäer), die auch vielfache Erwähnung in den Keilschrifttexten seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. finden. Dieses Gebirgsvolk, das sich im Gegensatz zu den großen Reichen noch im Stadium der zerfallenden Urgesellschaft befand, siedelte im Gebiet des heutigen Distrikts Sulaimania und betrieb vor allem Viehzucht.

Jedoch war es in ständige Kriege mit den Sumerern und Assyrern verwickelt. Besonders unter den Assyrern galten Sklaven aus der Landschaft Lulu als besonders wertvoll, gesund und tüchtig. Geraubte Männer aus Lulu wurden so vor allem als Lastenträger gebraucht, während die Frauen auch wegen ihrer vielgepriesenen Schönheit auf den Sklavenmärkten nur für hohe Kaufpreise erhältlich waren. Aufgefundene assyrische Eheverträge sagen überdies aus, dass Assyrer, deren Frauen keine Kinder gebaren, nicht selten eine lulubische Sklavin als Nebenfrau nahmen, um Nachkommen zu zeugen.

Ansonsten wurde von den Lulubi als »Bergbewohner« oder »Barbaren« berichtet, eine Benennung, die generell den Gebirgsvölkern und -stämmen galt und von vornherein sehr verallgemeinerte. Einen Beleg für die direkte Herkunft der Kurden lässt sich hier nirgends erbringen.

Wahrscheinlicher ist die Annahme der ethnischen Verwandtschaft mit den Elamäern, einem um 2500 v. Chr. bereits hochentwickelten Volk im südwestlichen Iran, die im 7. Jahrhundert unter die Herrschaft der Assyrer fielen und mit jenen - dann ein knappes Jahrhundert später den Medern in dem bereits erwähnten Fall von Ninive unterlagen. Aus diesen, sich über große Zeitläufe ziehenden und eine Vielzahl von Völkern und Volksstämmen integrierenden Vorgängen jedoch eine direkte Genealogie herzuleiten, wäre ein äußerst fragwürdiges Unterfangen.

Herrschaftsgebie.jpg

Der Druck der Skythen

Sie galten als ein gefürchtetes Reitervolk, kamen im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. vom Norden, von den Küsten des Schwarzen Meeres und des Kaspischen Meeres, und die Hufe ihrer Pferde wirbelten den Staub auf bis hinunter zu den Ebenen Palästinas. Sie errichteten Königtümer mit Kriegsgefolge, Priestern und Sklaven.

Ihre Herrscher ließen eigene Münzen prägen, und ihre kultischen Tierornamente aus Gold und anderen Edelmetallen, die sogar die griechische und römische Kunst beeinflussten, zählen heute zu den auserlesenen Schätzen der berühmtesten Museen. Sie eroberten das Land der Meder und das Gebiet des heutigen Syrien und herrschten hier nach Herodot für 28 Jahre, von 653 bis 625 v. Chr. - die Skythen.

Die skythische Welle und ihr Vordringen in diese Region verursachte beträchtliche Völker-bewegungen. Einerseits wanderten mit den Skythen sicher verschiedene andere Stämme mit ein oder wurden von ihnen bis zur Vermischung aufgesogen, andererseits wichen vermutlich verschiedene dem Druck durch dieses Volk aus oder flohen vor ihm.

Das Zentrum dieses Reiches vermutet der DDR-Iranist Burchard Brentjes im heutigen Iranisch-Kurdistan nahe der Ortschaft Saqqez und macht auf einen dort gefundenen Schatz aufmerksam, der assyrisches und skythisches Material enthielt und auch lokale Aussagen erlaubt. Danach könnte ein Dialekt, der nur im benachbarten Hewraman-Gebirgsmassiv gesprochen wird, das überdies schwer zugänglich ist, die Sprache einer damals in dieses Gebirge geflohenen Bevölkerung sein.

Der medische König Kyaxares befreite Medien von der 28 Jahre währenden Fremdherrschaft der Skythen, worauf diese sich vermutlich nach Norden zurückzogen. In dem Zusammenhang weist ebenfalls Brentjes auf ein Zylindersiegel hin, das wahrscheinlich in dieser Zeit entstand und den Sieg Kyaxares über den Skythenkönig Madyes feiert, und dem er eine interessante und aufschlussreiche Interpretation entnimmt. Auf diesem Siegel sind zwei medische Krieger dargestellt, die gegen zwei skythische kämpfen.

Doch tragen die Skythen, im Unterschied zu allen anderen Darstellungen skythischer Krieger mit unten geschlossenen Pluderhosen, auf jenem Zylindersiegel unten weit offene, in breiten Bahnen genähte Hosen. Hosen dieser Art werden heute noch im Gebiet der Bahdinan-Kurden in der Südosttürkei und in Nordwestirak getragen. Ähnlich verhält es sich mit den dargestellten Mützen, die gegenwärtig noch gelegentlich als Winterkleidung anzutreffen sind. Das lässt Brentjes darauf schließen, dass die abgebildeten skythischen Krieger Bahdinan-Kurden sind.

Diese Ansicht kann geteilt werden; zumindest kann man davon ausgehen, dass es sich um Vorfahren der Bahdinan-Kurden handelt. Damit wäre auch die Annahme bestätigt, dass die Herrschaft der Skythen sich vor allem auf die Oberschicht beschränkte, die als eine Art »Königsskythen«, wie sie schon Herodot bezeichnete, über den übrigen skythischen und nichtskythischen Stämmen - unter ihnen teilweise Vorfahren der Kurden - standen.

Demnach hätte sich nach dem Sieg des Kyaxares über die Skythen nur deren Oberschicht nach Norden zurückgezogen, die übrige Bevölkerung wäre jedoch sesshaft geworden.


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Das Reich der Meder

Bereits dreihundert Jahre bevor die Skythen vom Norden her einfielen, und zu der Zeit, da die Assyrer mit großer Brutalität begannen, sich ganz Vorderasien zu unterwerfen und ihr König Tiglatpileser - wie überliefert - fortwährend gegen die unbotmäßigen Guti in den Bergen kämpfte, also um das Jahrtausend vor der Zeitenwende, begann sich ein Volk an den nordöstlichen Grenzen Assyriens niederzulassen, dessen Siedlungsgebiet bald bis zum Kaspischen Meer reichte und den heutigen nordwestlichen Iran mit dem gegenwärtigen Aserbaidschan, Teheran und Isfahan zum Zentrum hatte.

Wiewohl diese Viehzüchterstämme doch in der Folgezeit eine immense Rolle für den gesamten vorderasiatischen Raum spielen sollten und auch einen der Ansatzpunkte für die Genealogie der Kurden darstellten, sind die frühen Nachrichten über dieses Volk der Meder und ihr Reich Medien äußerst spärlich.

Ihre erste assyrische Erwähnung datiert auf das Jahr 836 v. Chr., jedoch kann man davon ausgehen, dass die Meder - eine Stammesgruppe iranischer Sprachzugehörigkeit - bereits ab dem Jahr 1000 v. Chr. mit ihrer Ausbreitung die verschiedenen Volksgruppen in ihrem Herrschaftsgebiet einschließlich der heutigen kurdischen Region assimilierten. Dass es sich hierbei nicht um eine formale Oberherrschaft handelt, sondern dieser Prozess ein tiefgreifender war und bis zur Verschmelzung führte, beweist die Tatsache, dass die heutige kurdische Sprache deutliche Analogien zum Altmedischen aufweist. Hieraus resultiert auch die Annahme, die Meder seien die direkten Vorfahren der Kurden, und der doch recht fragwürdige Schluss, dass das iranische Großreich medischer Prägung der erste und größte kurdische Staat der Geschichte gewesen sei.

Zweifellos aber spielten die Kurden eine nicht unwesentliche Rolle im Zentrum dieses Großreiches. Besonders in den ständigen Kämpfen mit den Assyrern gewann es seine größte Ausdehnung, dessen westliche Grenze etwa mit der des heutigen Kurdistan identisch ist, im Norden jedoch ganz Armenien einschloss und vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer reichte. Im Nordosten umfasste es das gesamte Gebiet der Parther und dehnte sich nach Osten und Süden bis zu den Grenzen des gegenwärtigen Iran aus.

Auf dem Zenit seiner Macht stand das medische Großreich unter Kyaxares, der 625 v. Chr. die Skythen in dem legendären Feldzug in der Nähe des Urmia-Sees vernichtend schlug und schließlich 13 Jahre später mit der Eroberung Ninives die fast 2000 Jahre währende Vorherrschaft der assyrischen Könige endgültig zerbrach. Auf diesen Zeitpunkt wird vielfach der Beginn der Geschichte der Kurden datiert, hier setzt auch die Legende von Kawa dem Schmied ein.

Insgesamt hat das medische Großreich knappe einhundert Jahre eine dominierende Rolle gespielt, dann wurde es vom persischen Vasallenkönig Kyros II. (gestorben ca. 529 v. Chr.) erobert, unter dessen Nachfolger Dareios I. (550-486) Persien für über 1000 Jahre ein unermessliches Weltreich wird, dessen Grenzen von Libyen und Ägypten am Mittelmeer bis zum Indus im Westen und Tien-shan-Gebirge und Aralsee im Nordwesten reichen.

Nach Kyaxares haben die Meder nie wieder an geschichtlicher Bedeutung gewonnen. Nicht nur ihr Reich und ihre Macht zerfielen unter den persischen Großkönigen, sondern auch ihre verschiedenen Völkerschaften und Stämme lösten sich teilweise aus dem medischen Verbund.

Syrien und Assyrien, Babylon und Medien wurden von persischen Statthaltern regiert. Hinter den Bergen der Zagros-Kette aber und in fast unzugänglichen Tälern hielten sich Volksstämme, die dem Großkönig nicht untertan waren und eine Autonomie behaupteten - die Karduchen
 

 

 

 Xenophon und die Karduchen

»Dem Dareios und der Parysatis waren zwei Söhne geboren worden, ein älterer, Artaxerxes, und ein jüngerer, Kyros. Als nun Dareios krank lag und das Ende seines Lebens kommen sah, wünschte er, beide Söhne bei sich zu haben.«
So beginnt das erste Buch der Anabasis des Griechen Xenophon (ca. 430-355), von Beruf Offizier, Landwirt und Schriftsteller. Als sachkundiger Chronist beschreibt er die Ereignisse, die dem Tod des Perserkönigs Dareios - eines Nachfahren jenes Dareios 1., der das persische Weltreich schuf - folgten.

Obwohl der jüngere Kyros zweifellos mit der Krone geliebäugelt hatte, erhielt sie der ältere Artaxerxes. Daraufhin zog Kyros, der Statthalter der westlichen Provinzen des Reiches an der Grenze zu den Griechen war, mit über 10 000 griechischen Söldnern gegen seinen Bruder in Babylon. In der Nähe der Hauptstadt stellten sich die Heere zum Kampf; Kyros fiel, und Artaxerxes behielt die Königskrone. Daraufhin begannen die Griechen einen schwierigen und verlustreichen Rückzug durch Kleinasien und an der Schwarzmeerküste entlang bis in ihre Heimat.

Allein die Tatsache, dass der den gesamten Rückzug begleitende Xenophon - zuerst als einer der Befehlshaber, später dann als Führer des Rückzuges - mit seinem Buch ein weit über den militärischen Aspekt hinausgehendes Zeit- und Geschichtsbild des Jahres 401 vor der Zeitenwende zeichnet, macht die »Anabasis« zu einem wertvollen historischen Zeugnis, das überdies ob seiner Erzählkunst eine interessante Lektüre darstellt. Dennoch wäre sie an dieser Stelle wenig von Belang, wenn nicht die griechischen Heerführer den folgenschweren Entschluss gefasst hätten, den »Marsch der Zehntausend« über die Berge anzutreten, da er ihnen als der am wenigsten gefährliche erschien. Dieser Marsch Xenophons und der griechischen Söldner aber führte genau durch das Gebiet der Karduchen.

Als der persische Kronprätendent Kyros begann, gegen seinen Bruder und neuen König von Persien Truppen herbeizurufen und um sich zu sammeln, konnte dies natürlich nicht in aller Direktheit und Öffentlichkeit vor sich gehen, da Artaxerxes sonst vorzeitig gewarnt worden wäre. Also ließ Kyros überall verbreiten, er beabsichtige einen Feldzug gegen die Pisider, »die sein Gebiet beunruhigten«, zu unternehmen. Dies erschien anfangs auch glaubhaft, da der persische Statthalter schon mehrfach gegen dieses Volk im heutigen Irakisch-Kurdistan gezogen war, von dem Xenophon berichtet, dass es »im Lande des Großkönigs viele große und blühende Städte« bewohne. Denn die Pisider galten als recht kriegerisch und erhoben sich immer wieder gegen die persische Oberherrschaft. Da Kyros' Täuschungsmanöver letztendlich misslang und er die Pisider unbeachtet ließ, geht auch Xenophon in seiner Chronik nicht weiter auf sie ein.

Interessant jedoch ist, dass heute in Irakisch-Kurdistan ein weitverbreiteter kurdischer Stamm lebt, der als Pischder bezeichnet wird und mit großer Wahrscheinlichkeit als deren Nachfahre gelten kann. Auch die kriegerische Mentalität der Pisider und ihre Auflehnung gegen jegliche Fremdherrschaft scheinen sich auf die Pischder vererbt zu haben, denn beispielsweise waren allein in diesem Jahrhundert, vor allem in den 20er und 40er Jahren und seit 1961, die Pischder an allen kurdischen bewaffneten Erhebungen maßgeblich beteiligt.

Kyros zog also direkt gegen Babylon, wurde in der Schlacht getötet, und seine über 10 000 griechischen Söldner traten den Rückzug an. Sie durchquerten die Tigris-Ebenen, stießen auf die von den Medern zerstörte assyrische Hauptstadt Ninive, doch nirgends auf dem Weg fanden sie Ruhe. Immer wieder wurden sie von den persischen Verfolgern angegriffen, darunter vielen »Barbaren«, wie Xenophon schreibt, Söldnern aus den Bergen, die ins persische Heer zwangsrekrutiert worden waren; gefahrvoll also und verlustreich war ihr Abzug.

Unsicher über den weiteren Verlauf des Marsches, verhörten die ortsunkundigen Griechen einige einheimische Gefangene. »Diese nun sagten, der Weg gen Süden führe nach Babylon und Medien, durch das sie hergekommen seien, der gen Osten aber nach Susa und Ekbatana, wo der Großkönig, wie es heiße, den Sommer und Frühling zuzubringen pflege; überschreite man aber den Strom, so führe der Weg gen Westen nach Lydien und der sich über das Gebirge nach Norden ziehende zu den Karduchen. Diese, sagten die Gefangenen, bewohnten das Gebirge, seien kriegerisch und dem Großkönig nicht unterworfen.«

Da die Griechen künftig möglichst unbeschadet in ihre Heimat zurückkehren wollten, der Weg in drei Himmelsrichtungen aber geradewegs durch das Reich der feindlichen Perser führte, denen sie gerade zu entkommen suchten, entschieden sie sich für den Weg nach Norden, durch das Gebiet der Karduchen.

Zwar warnten die Einheimischen, dass »einmal ein königliches Heer von hundertzwanzigtausend Mann in ihr Gebiet eingefallen, doch ... infolge der ungünstigen Bodenbeschaffenheit des Landes kein einziger zurückgekommen« sei. Dennoch vermeinten die Griechen in diesem Weg den günstigeren, erstiegen mit einiger Mühe die Berge und erreichten alsbald in den Tälern Dörfer.
Beim Herannahen der Griechen, berichtet Xenophon, verließen die Bewohner »ihre Häuser und flüchteten mit Weib und Kind auf die Berge. Lebensmittel aber konnte man in Menge finden; auch waren die Häuser reichlich mit ehernem Geschirr versehen.«

Die Griechen nahmen nur Lebensmittel, zerstörten nichts, verfolgten die Fliehenden auch nicht, »um zu versuchen, ob vielleicht die Karduchen, die ja Feinde des Großkönigs waren, sie unangefochten durch ihr Land ziehen lassen würden«.
Dieser Bericht Xenophons deckt sich auch mit den Aussagen älterer Nachrichten, in denen die Städte der Bergbewohner als groß und reich beschrieben werden und ihre Oberhäupter als mächtig. Offensichtlich erstaunte es Xenophon doch etwas, hinter den Bergen derart versorgte und eingerichtete Dörfer vorzufinden. Wichtig ist die auch den Griechen bekannte Tatsache, dass die Karduchen die Herrschaft der Perser nicht akzeptierten und deren Feinde waren.

Die Hoffnung auf einen ungefährdeten Marsch durch das Gebiet der kriegerischen Karduchen erfüllte sich jedoch nicht. »Die Karduchen aber hörten weder auf Zurufe, noch gaben sie sonst ein Zeichen von Freundschaft«; im Gegenteil - sie sammelten sich auf den schützenden Bergen und griffen die Griechen »mit Steinen und Pfeilen« an. In der Nacht entzündeten sie Feuer und beobachteten so jeden Schritt der Eindringlinge, und am Tage »schossen und schleuderten die Karduchen aus nächster Nähe« von den sicheren Anhöhen herab. Statt des sicheren Durchzuges durch die Berge hatte der Marsch der Griechen von Anfang an »das Aussehen einer Flucht«, wie Xenophon berichtet.
Verständlich die Hoffnung der Griechen, doch verständlicher noch die kriegerische und feindselige Haltung der Karduchen, hatte doch das Eindringen Fremder in ihr Gebiet seit jeher Krieg und Unterwerfung für sie bedeutet und ihnen die Erfahrung gelehrt, lieber gleich zu den Waffen zu greifen, statt Versprechen und Friedensbezeigungen zu glauben und am Ende darunter zu leiden.

Auch hatten die Griechen nicht mit einer derartigen Unzugänglichkeit der Berge gerechnet; in den schmalen Schluchten und über die kaum passierbaren Pfade mussten sie ihre großräumigen Schlachtordnungen, in denen sie sich sicher fühlten, auflösen und boten leichte Zielscheiben für die Karduchen, die vielfach riesige Steinblöcke die Abhänge hinab und auf die Feinde rollten. Nicht selten kamen sie nur vorwärts, indem sie Einheimische zwangen, ihnen begehbare Wege zu zeigen, was allerdings auch oft fehlschlug, da mancher Karduche sich lieber zu Tode foltern ließ, als den Feinden beizustehen.

Ebenso, wie sie in der Natur also einen unberechenbaren Feind vorfanden, standen ihnen die karduchischen Krieger mit unvorhersehbarer Taktik, Bewaffnung und Kampfeswut gegenüber. Xenophon berichtet: »Dazu waren sie die trefflichsten Bogenschützen, und ihre Bogen waren fast drei, ihre Pfeile aber über zwei Ellen lang. Beim Abschuss spannten sie den Bogen, indem sie den linken Fuß auf das untere Ende setzten. Die Pfeile drangen durch Schilde und Panzer. Die Griechen knüpften, wenn sie ihrer habhaft wurden, Riemen daran und verwendeten sie als Speere.«

Außerdem wussten die Karduchen sehr wohl ihre in vermutlich zahllosen Kämpfen erworbenen Erfahrungen zu nutzen. Zu genauester Kenntnis und Gebrauch der natürlichen Verteidigung kam eine Taktik, die im stetigen Wechsel von Angriff und Rückzug bestand und die Griechen zunehmend demoralisierte. »Die Feinde warteten ... den Angriff nicht ab, denn für einen Kampf in den Bergen waren sie zwar zu Angriff und Flucht gerüstet, nicht aber zum Nahkampf.« Der griechische Koloss war in diesen Bergen hilflos und gelähmt gegenüber den zahlenmäßig weit unterlegenen Karduchen.

An mehreren Stellen der »Anabasis« stellt Xenophon fest: »Hätte sich damals eine größere Zahl (Karduchen, Anm. d.V.) zusammengefunden, wäre ein großer Teil des Heeres der Vernichtung nichtentgangen.«

Nach aufreibenden Strapazen und tagtäglichen Angriffen der Karduchen hatten die Griechen schließlich die Berge hinter sich gebracht, und Xenophon resümiert: »Die Kärduchen ..., obgleich keine Untertanen des Großkönigs, aber dennoch furchtbar genug, machten wir uns zu Feinden, weil wir uns gezwungen sahen, uns die Lebensmittel zu nehmen, da sie uns keinen Markt eröffneten.«

Wiewohl Xenophon an noch anderen Stellen geringfügig irrt, hier erkennt er keinesfalls das volle Ausmaß der Ursachen mangelnder Freundschaft seitens der Bergbewohner. Allein die Tatsache, daß die Karduchen die Feinde der Perser waren, schien den Griechen Anlass genug für eine Einigung. Die Karduchen aber hatten andere Erfahrungen gemacht; Xenophon und die Seinen waren für sie Eindringlinge wie viele andere vor ihnen auch. Der Marsch der Griechen nach Babylon und ihr Rückzug dauerten ein Jahr und drei Monate. Viele der Griechen verloren bereits in der Schlacht ihr Leben, viele auch danach; nicht wenige jedoch in den Bergen der Karduchen.

Xenophons »Anabasis« ist eine beeindruckende Chronik der Ereignisse vor der Schlacht bis hin zum »Zug der Zehntausend«. Nicht hoch genug aber können seine Aufzeichnungen über die Begegnung mit den Karduchen, ihre Charakterisierung und die Beschreibung ihrer Landschaft eingeschätzt werden. Er prägte den Begriff »Karduchen«, den er von den Armeniern übernommen hatte, einschließlich ihrer Pluralendung »x«, somit wurde aus »kardu« durch ihn »Karduchen«. Mit diesem Namen und über die »Anabasis« traten die Vorfahren der Kurden wenige Jahrhunderte vor der Zeitenwende erstmals und umfassend in den Blickpunkt der Öffentlichkeit

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Quelle: "Die Kurden" von Zuhdi al Dahoodi


Frühgeschichte der Kurden

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