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Familie/Frauen: Gastfreundschaft
Geschrieben am Montag, 22. September 2008 von Baran Ruciyar

Gesellschaft

Die kurdische Gastfreundschaft, wie auch Bois schreibt, ist sprichwörtlich zu nehmen: Die Gäste sind die Gäste Gottes. Der Kurde betrachtet Gäste als Reichtum und Segen: „Mêvan bereket in – der Gast ist ein Segen (Gottes)“.

In Kurdistan – jeder Reisende, der durch ein Dorf kommt, kann die sprichwörtliche kurdische Gastfreundschaft beanspruchen, und kann auch mehrere Tage bleiben. Der Gastgeber kümmert sich dann sehr intensiv um das Wohl seines Gastes und wird ihm sagen „ Mein Haus ist dein Haus, bleibe solange willst“. Fast in jedem Dorf in Kurdistan existierte der sog. Dîwanxane, xanê oder konax = Gästehaus oder Hof, der extra für die Gäste eingerichtet worden war, bei den Nomaden dagegen wurde es durch einen Zelt ersetzt. Die einflussreichen Grundherren unterhielten früher – teilweise heute noch - dîwanxane für die zufällig vorbeikommenden Fremden. Die Fürsten, Agha’s sowie auch die Sheikhs waren stets dazu verpflichtet ihre Gastfreundlichkeit unter Beweis zu stellen, denn die adlige Stellung einer Familie in der kurdischen Gesellschaft setzt viel mehr voraus, als nur die Abstammung von einem Fürsten oder bekannten Stamm, sondern auch ihre Gastfreundlichkeit und der Einsatz für die Gesellschaft wird ziemlich hoch geschätzt.

Eine ziemlich ausführliche Beschreibung dieser dîwanxane und ihre gesellschaftliche Funktionen bietet van Bruinessen, s. 102 ff.. In seiner Beschreibung geht auch die Bauform dieser dîwanxane hervor: „Der dîwan ist immer rechteckig und hat ein ´oberes` und `unteres` Ende; der Eingang befindet sich in der Nähe des unteren Endes. An den Wänden ringsum sind Matratzen und Kissen zum Sitzen. Ein Ehrengast oder ein geachteter alter Dorfbewohner wird auch zum Anlehnen viele bequeme Kissen bekommen; für junge Männer wäre eine Beleidigung. Der Platz des Agha ist natürlich am oberen Ende, und die hochgeschätzten alte Männer und wichtige Gäste sitzen in seine Nähe“ (s. 104). Weiterhin fügt er hinzu, dass Nahe dem unteren Ende des dîwan(xane) eine Kohlenpfanne mit riesigen Kaffeetöpfen aus Messing oder einem schwarzen Samowar mit Tee, der für die Gäste stets bereitsteht, ist. Serviert wird das Ganze vom qehwecî oder den jüngsten des Haushaltes. Gekocht wird von den Frauen, Gerichte aller Art werden vorbereitet – an Fleisch darf es nicht fehlen – auch traditionelle Getränke wie dew fehlen nicht am Tisch. Nach seiner Abreise, wird dem Gast für seine bevorstehende Reise Essen mitgegeben. Mittlerweile ist die Einrichtung des Gästehauses nahezu vollständig verschwunden. Spätetens in den 60ieger des vergangenen Jh. nahm das langsame Verschwinden dieser Gästehäuser ihren Lauf. "Der Untergang der Gästehäuser ist nur ein Beispiel für den tiefgreifenden Wandel, der Land und Leute in Kurdistan seit einigen Jahrzehnten erfaßt hat" (Aziz, s.52).  

Die Gäste werden, sei es in einem dîwanxane oder auch in einem üblichen Haushalt, vor der Tür empfangen. Alle männliche Haushaltsmitglieder heißen den Gast vor der Tür willkommen. Der Gast wird während seines Aufenthalts äußerst höflich behandelt. Der Gastgeber ist bestrebt seinen Gast, das beste an Essen und Trinken aus seinem Haushalts zu bieten. Die Männer und Frauen sitzen getrennt und bekommen sich meist nicht zu Gesicht. Gemeinsames Essen und Trinken ist nicht nur ordnende Gemeinschaft der Ungleichen, es stiftet auch Gemeinschaft. Das Unberechenbare wird durch das gemeinsame Essen und Trinken zu etwas Berechenbarem. Das Ritual der Gastlichkeit wird zur öffentlichen Bekundung geordneter Gemeinschaft in der Gesellschaft der Ungleichen. Es werden in Gästeräume allgemeine Themen diskutiert und man erzählt von alten Heldentaten oder von berühmten kurdischen Persönlichkeiten. Der Gast ist dazu verpflichtet sich immer im Reichweite seines Gastgebers zu befinden; man geht zusammen spazieren oder einen Verwandten besuchen. Dabei ist es auch möglich, dass der Gast mit seinem Gastgeber von einem anderen Dorfbewohner eingeladen wird. Wenn in dem Dorf sich ein berühmter Geistlicher befindet, wird der Gast ihn mit seinem Gastgeber besuchen.

Zur kurdischen Gastfreundschaft gehörte auch das bewirten der feqî, die von anderen Regionen an die Medrese für ein Studium kamen. Die höhergestellten Familie luden die Studenten außerdem ein- bis zweimal in Jahr in ihr Haus zum Essen ein. Weiterhin ist es bei den Kurden üblich, dass man sich während des Ramadan-Monats und an anderen religiösen Tagen gegenseitig zum Essen einlädt. Von Gästen werden keinerlei Geschenke oder derartiges erwartet. Nur im schi´itischen Islam d.h. bei den schi´itischen Kurden, nimmt die gesellschaftliche Solidarität eine immens wichtige Rolle in ihrer Religion ein. Die Schi´iten erwarten durchaus von ihren Gästen, dass sie Geschenke wie Tee, Kaffee oder Süßigkeiten mit sich bringen. Wenn es sich bei den Gast um eine Frau handelt, bleibt das Ritual im Wesentlichen gleich, nur die Rollen werden getauscht. Bei den Frauen kümmert sich die Ehefrau um den Gast. Der Mann wird lediglich zwischendurch den Gast fragen, ob er oder sie sich wohl fühlt


Quelle: Martin van Bruinessen: Agha, Scheich und Staat . Berlin 2003. Habibi Shalmani, Taghi. Betrachtung über die ethnische Identität der iranischen Kurden. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln, German, Hundt, Ethnography, Germany, Köln, 1985. Bois, Thomas: L´âme des Kurdes á la lumiére de leur folklore (Dt. Übersetzung: Yekta Geylanî, kurdische Volksdichtung, 1985 Bonn). Aziz, Mamo: Kurdistan; Menschen, Geschichte, Kultur, Bonn 1992. ERHARD FRANZ: YEZIDEN – EINE ALTE RELIGIONSGEMEINSCHAFT ZWISCHEN TRADITION UND MODERNE, URL: http://www.yeziden-colloquium.de/inhalt/gesellschaft/intergration/DOI_Yeziden.pdf (letzter Besuch: 01.09.08)


Gastfreundschaft

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