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Mittelalter: Hülagü und die mongolische Apokalypse
Geschrieben am Freitag, 03. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Allgemeine Geschichte Dîlan G. schreibt:

Ein halbes Jahrhundert nach Saladin - der sechste, erfolglose Kreuzzug der Europäer war gerade gescheitert und der siebte, der den gleichen Ausgang gang nehmen sollte, stand noch bevor - erobern die mongolischen Horden 1258 Bagdad und leiten mit der Vernichtung des Kalifats der Abbasiden ein neues Kapitel in der Geschichte der Unterjochung der Kurden ein.

Es waren die Söhne und Enkel des legendären Dschingis-Chan (ca. 1155-1227), die ihre wilden Reiterhorden aus den zentralasiatischen Steppen und aus Südsibirien einer Apokalypse gleich gen Westen schickten. Nur wenige Jahre vergingen, und ihnen unterlagen die größten Teile Asiens und beträchtliche Europas, dessen Völker wiederum einmal vom Osten her Leid und Schrecken erfuhren.

Und wiederum vermochten die kurdischen Stämme, zersplittert in eine Vielzahl untereinander uneiniger Fürstentümer, dem gewaltigen Ansturm nicht standzuhalten. Die Armee des mongolischen Heerführers Hülagü (1217-1265) zerstörte die alte seldschukische Festungsstadt Ray, wälzte sich auf Hamadan, das ebenfalls dem Erdboden gleichgemacht wurde, Maragha und Täbris westlich des Ûrmîyê- Sees erlitten trotz heftigen Widerstandes das gleiche Schicksal. Als eine der ersten fiel die noch aus der Seldschukenzeit stammende Provinz Kurdistan mit ihrem Hauptort Bahar unter Mord und Plünderung. Die Stadt Hewlêr unterwarf sich zwar, doch die kurdische Garnison weigerte sich und fiel in einem blutigen Gemetzel. So erging es Stadt für Stadt, Festung für Festung.

Nicht wenige der Stämme, die sich den Mongolen entgegenstellten oder nicht rechtzeitig vor ihnen flohen, wie beispielsweise die Hakkarî nördlich von Mardin, wurden Opfer der mongolischen Schwerter. Angst und Schrecken eilte den wilden Horden voraus, und oft fanden sie fast verlassene Ortschaften und Städte vor, wie beispielsweise Silêmanî, dessen Bewohner nach Ägypten und Syrien auswanderten.

Der mongolische Heerführer Hülagü war, es auch, der im Iran die Dynastie der Ilkhane begründete (1251-1265), die als Vasallen dem Großkhan der Mongolen untertan waren, sich jedoch im Verlaufe der Zeit von der Hausmacht lösten und sogar den islamischen Glauben teilweise annahmen. Ihre nomadische Lebensweise legten sie jedoch nicht ab, und somit wurde das Land, das bereits unter den Eroberungen unsäglich gelitten hatte, auch während der mongolischen Besetzung wirtschaftlich ruiniert. Die Bewässerungssysteme waren zerstört, die den Acker bebauende Bevölkerung zu vier Fünfteln entweder dem Schwert zum Opfer gefallen oder geflüchtet, der verbliebene Rest wurde brutal ausgebeutet, das Handwerk in den Städten war nahe dem Nullpunkt, und Handel und Verkehr lagen ebenfalls danieder.

Der Untergang des einstmals blühenden Landes einschließlich der kurdischen Region schien besiegelt und kümmerte die mongolischen Eroberer wenig. Sie sahen das Gebiet nur als eine Quelle leichten Gewinns, die sie bis zu ihrem endgültigen Versiegen gnadenlos auszubeuten gedachten.

Innerhalb weniger Jahre war es den mongolischen Horden gelungen, große kurdische Stämme und Fürstentümer zu vertreiben oder zu vernichten, und das, was von ihnen noch übriggeblieben war, zu politischer und wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit zu degradieren.

Dennoch, und nicht all zu weit von den kurdischen Gebieten entfernt, an den Höfen und in den Kanzleien der Mameluken- Fürsten, war man sehr gut unterrichtet, auch über die gegenüber den Mongolen nach wie vor unbotmäßigen Stämme zwischen Lûristan und Ûrmîyê- See, zwischen Euphrat und Hamadan.

Das Wort mamluk bedeutet im Arabischen soviel wie »im Besitz befindlich«. Und ursprünglich waren die Mamluken auch die Leibgarde der islamischen Fürsten, die sich zumeist aus fremdstämmigen Söldnersklaven rekrutierte. Ebendiese Fremdstämmigkeit garantierte den arabischen Herrschern in innenpolitischen Krisenzeiten eine sichere Schutzmacht, da sie skrupellos gegen das arabische Volk, das ja nicht ihr eigenes war, vorgingen. Überdies genossen sie eine hervorragende militärische Ausbildung und hatten sich bereits unter dem Sultanat Saladins vielfältige Privilegien erobert. So ist es nicht verwunderlich, dass sie innerhalb weniger Jahre eine regelrechte Militäraristokratie herausbildeten, die, die wesentlichen Schaltzentren der Macht besetzte, schließlich die arabischen Dynastien entthronte und die alleinige Herrschaft an sich riss.

Die Mameluken etablierten sich zuerst in Ägypten (bis 1517), dehnten ihre Macht jedoch bald über Syrien bis hin zum Euphrat aus, wo sie das wichtigste Bollwerk gegen die Mongolen bildeten und deren weiteren Vormarsch nach Westen stoppten. Dennoch waren sie sich der ständigen Bedrohung aus dem Osten bewusst; verständlich so auch, dass sie aufmerksam jeden Aufruhr und jede Erhebung im mongolischen Reich registrierten und so wohlinformiert waren über die Situation der kurdischen Stämme. Stellten diese doch im Falle eines mamelukischen Kriegszuges gen Osten potentiell wichtige Verbündete dar.

Zunächst wandten sich die Mameluken jedoch in Richtung Norden, wo sie die letzten versprengten Bastionen der Kreuzritter und christlichen Orden hart attackierten und Schritt für Schritt beseitigten, um dann anschließend die Mongolen in die Richtung ihrer Ausgangsgebiete zurückzudrängen. In diesem Zusammenhang mag es wiederum als eine historische Kuriosität anmuten, dass es gerade nichtarabische Dynastien - vielfach turkmenischer Abstammung - waren, die mit der Zurückwerfung der Mongolen den Islam in Vorderasien retteten.

Inwieweit die kurdische Nation an der Vertreibung der Mongolen beteiligt war, kann nur vermutet werden; Belege gibt es dafür nicht. Das liegt möglicherweise daran, dass in jener Zeit die Kanzleien der Mamelukfürsten weit geringeres Interesse an den kurdischen Stämmen hatten. Die Mongolen waren zurückgeschlagen und das kurdische Gebiet erobert, damit waren die hier ansässigen Stämme ein ausschließlich innenpolitisches Problem.

Mit dieser Tatsache sahen sich die Kurden wiederum in einer tragischaussichtslosen Situation: Eine Herrschaft hatte die andere abgelöst, und nach wie vor blieben sie die Unterdrückten. Dass die Not der Kurden unter den Mameluken ähnliche Dimensionen annehmen sollte, wie zuvor unter den Mongolen, erwies sich im Verlauf von nur wenigen Dutzend Jahren.

Vorerst jedoch entwickelte sich auf der Grundlage eines bis dahin kaum dagewesenen Prachtstrebens der mamelukischen Sultane ein beachtlicher ökonomischer Aufschwung, der sich besonders in einer regen Bautätigkeit dokumentierte; eine Vielzahl öffentlicher Gebäude und Moscheen entstand. Doch stabilisierte sich die Wirtschaft im Mamelukenreich nur kurzzeitig. Das Streben nach Pracht ging einher mit einer unvorstellbaren Verschwendungssucht. Die immer stärker werdende finanzielle Belastung führte zwangsläufig zu Machtverschiebungen und zum Verfall der Sultansherrschaft.

Parallel mit ihr erfuhr das Land - und wiederum verstärkt die kurdischen Bauern - eine schrankenlose Ausbeutung, die ihren Höhepunkt erreichte, als Machtfehden, Rivalitäten und lokale kriegerische Auseinandersetzungen der kleinen, aufstrebenden Emire und Begs aus der Militärkaste fast unausgesetzt das Leben und den Besitz der Bevölkerung bedrohten. Wieder einmal sahen sich die Kurden einer fast unerträglichen Herrschaft ausgeliefert. Zu diesem Zeitpunkt, etwa um 1360, taucht mit den Heerscharen Timur Längs (1336-1405) vom Osten her eine neue mongolische Welle vor den kurdischen Bergen auf.

Doch diesmal sind es nicht mehr nur räuberische und plündernde Nomadeneinfälle, sondern das Land erlebt einen gezielten Terror- und   Vernichtungsfeldzug. Beseelt von dem Gedanken nach einer mongolischen Weltherrschaft, ziehen die mongolischen Scharen ihre blutige Spur durch Kleinasien, und wo sie auftauchen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Tod oder Unterwerfung.

Timur Längs Strategie ist ebenso grausam wie konsequent, und die Nachrichten aus dieser Zeit sind voll Gräueltaten. So ließ er an den Wegen seiner Eroberungszüge vielfach die Köpfe der erschlagenen Feinde, die Widerstand geleistet hatten, aufeinander schichten. Bei Isfahan in Persien, so berichtet die Überlieferung, sollen es einmal 70 000 Schädel gewesen sein, die er zu einer blutigen Pyramide hat aufschichten lassen, ein weithin sichtbares, grausames Monument des Terrors, das alle Gegner abschrecken und jeglichen Widerstand brechen sollte.

Gebrochen durch die Herrschaft der Mameluken und sicher wiederum in der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage, setzten die Kurden Timurs Truppen nur partiellen Widerstand entgegen, der in den Jahren 1394 und 1401 mit zwei Feldzügen in ihr Gebiet eindrang.

Die Chronik berichtet von der Einnahme Bagdads und Amed und von der völligen Zerstörung Cizîres und der umliegenden Gebiete, die vor allem von den Stämmen Hakkarî und Hisaînîs besiedelt waren.

Andererseits aber soll Timur den Fürsten von Bitlis, Sheref al-Din, freundlich empfangen haben, der einer der geachtetsten kurdischen Fürsten war. Vermutlich hatte die Geste einen wichtigen Beispielcharakter für andere kurdische Stämme, die in dieser Unterwerfung eine größere Überlebenschance erkannten als im offenen Widerstand.

Dennoch hatte Timurs kurdischer Eroberungszug nur den Charakter eines kurzlebigen Intermezzos. Als er sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit einem erneuten Feldzug gegen die türkischen Osmanen Kleinasiens wandte, griffen ihn vereinzelte Stämme immer wieder auf seinem Weg an. Zwar ist dieses Vorgehen vergleichbar den Angriffen der Karduchen auf Xenophons Zug der Zehntausend anderthalb Jahrtausende zuvor, im Ergebnis jedoch scheinen es nur Plänkeleien mit geringer Wirkung gewesen zu sein.

Timur Längs Eroberungszug war ein charakteristischer Vernichtungsfeldzug. Hatten die Mamluken prächtige Paläste und Moscheen errichten lassen, so errichteten die mongolischen Horden Pyramiden aus den Gebeinen der Erschlagenen, und ein Großteil der vormaligen Pracht fiel ihrer Zerstörungswut zum Opfer, wie auch das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben nahezu zum Erliegen kam. Wieder einmal hatte das Gebiet eine Invasion erlebt, die jegliche Entwicklung auf längere Zeit hinaus lähmen würde; Jahrhunderte waren vergangen mit wechselnden arabischen, türkischen und mongolischen Herrschaften, Fortschritte hatten partiell immer nur ihre aufsteigenden Machtphasen gebracht, während ihre Niedergänge kontinuierlich von Rückschritten für das Land charakterisiert waren.

Nach dem Tode Timur Längs verfiel die mongolische Herrschaft über die Gebiete zwischen Amed und Silêmanî, zwischen Merdin und Mahabad bald; die vertriebenen Fürsten kehrten zurück; an den Folgen dieses letzten der Mongoleneinfälle sollten aber auch die Kurden noch Jahrhunderte zu tragen haben.

 

 

"Die Kurden" von Zuhdi al Dahoodi


Hülagü und die mongolische Apokalypse

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