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Allgemeine Geschichte: Kurdenstämme der Region Dêrsim
Geschrieben am Donnerstag, 18. September 2008 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen

Die Kurdenstämme in der Region Dêrsim1 sind beinah ausschließlich Aleviten. Die knappe Mehrheit von ihnen spricht einen Dialekt, der sich Kirmanckî nennt2, der Rest spricht die Westmundart des Kurmancî.

Die Stämme in Dêrsim bzw. ihre Namen kommen auch in anderen Regionen Kurdistans vor, z. Bsp. Stämmen mit dem Namen Lolan, Hesenan, Dimilî, Piran, Soran, Shekak, Gûran usw. trifft man in vielen Gegenden Kurdistans an. Diese sprechen je nach Gebiet Soranî oder Kurmancî.

Einst, wo unter den Stämmen in Kurdistan (kurmancisprachigen Stämme) das Faktum Mil und Zil (vgl. mil und zil) herrschte, unterteilten sich auch die Stämme in Dêrsim in jene Gruppen, d. h. lässt es vermuten, dass die heute in Dêrsim beheimateten Stämme aus verschiedenen Gebieten dorthin einwanderten. Die Einwanderungsgeschichte einiger Stämmen in Dêrsim lässt sich auch schriftlich verfolgen (vgl. Îzolan).

Die im Sherefname erwähnte Chemîshgezek-Konföderation in Dêrsim wanderte zum Teil in den Iran aus, und wurde dort als Grenzhüter von Shah Abas in Khorasan eingesetzt, was auch N. Dêrsimî erwähnt. Er bezeichnet die Kurdenstämmen in Dêrsim als Nachfahren einstiger Çemishgezek-Fürsten3. Danach bildeten die Stämmen in Dêrsim jegliche Konföderationen, welche zum Teil bis in die 20ieger des vergangenen Jh. bestanden; die Konföderation der Qochgirî-Kurden, Şêx Hasenan, Çarekan, Qûrêyshan, Demanan (Dêrsimli?) hielten bis zum Beginn des 20. Jh. stand.   

Eine verdienstvolle Arbeit über die Stämme Dêrsim's veröffentlichte Seyfi Cengiz im Internet4. In der Einleitung weist er auf eine alte Tradition hinsichtlich der Geschichte der Stämme in Dêrsim hin. Die Oralhistorie unterscheidet zwischen Eingeborenen (eigentlich nur indirekt, selbst sie sollen aus Khorasan eingewandert sein) Stämmen "Galmem-Galferat" und der Şah Hasan-Gruppe, die im Laufe der Zeit dazu gekommen sind. 

Die Gruppe der Galferat, Cengiz schließt eine Herleitung dieses Namen von "parthner" nicht aus, haben einen höheren, insbesondere in der Sache Religion, Gesellschaftsstatus als die Neuankömmlinge. Dr. Gülsün Firat5, die Feldforschungen Vorort unternohmen hat, berichtet von der vermeintlichen Einwanderung dieser Galferat-Gruppe der Stämme aus Khorasan, die unter der Bevölkerung weit verbreitet ist. Die Oralhistorie aller alevitischen Kurden auch außerhalb von Dêrsim, sieht sie aus Khorasan kommen; doch sowohl Bruinessen6 als auch Bayrak7 und Firat scheinen es für einen Irrtum zu halten. Die von Firat befragten Personen gaben an, dass ein Mann namens Galferat aus Khoroasan nach Dêrsim/Qishle eingewandert sei und habe seinen Ankunftsort (ein Dorf) Galferat benannt. Wann aber er aus Khorosan nach Dêrsim emigrierte, wisse aber niemand. Die Herkunft der 11 bekanntesten Stämmen Dêrsims werden genealogisch auf diesen Galferat zurückgeführt; derselbe soll 11 Söhne gehabt haben: Alan, Arezu oder Arya/Arier, Demanu, Heyderu, Karsanu, Kemu, Kismerzuku, Saduzu, Usuvu, Xilankuzu und Xirankuzu, diese sind die Namen der heutigen Kernstämme in der kurdisch-alevitischen Gemeinde in Dêrsim.

Nachdem der Dêrsimaufstand durch den türkischen Staat niedergeschlagen wurde, hatte man viele Stämme aus Dêrsim in verschiedenste Gegenden der Türkei deportiert. Außerdem wurde so der Tribalismus in Dêrsim allmählich in den Untergrund verdrängt. In den 60igern Jahren wählten dann die linksorientierten türkischen Organisationen Dersim als ihr Hauptquartier, bis schließlich die PKK Dêrsim ebenfalls zum Schauplatz des Krieges zwischen den türkischen Militärs und den PKK-Guerillas machte.

Mitte der 90iger wurde die Gesellschaft in Dêrsim entgültig zerspalltet. Die meisten Dörfer wurden niedergebrannt, die Bewohner suchten Zuflucht in Europa oder in den türkischen Metropolen. Das Stammesleben, das einst die gesellschaftliche Organisation in der Region regelte, ging damit verloren. Die gegenwärtige Dersimgemeinde in ist im Eigentlichen in einem Detribalisierungsprozess. Die Stammeszugehörigkeit hat längst ihre Bedeutung veloren und hat für sie nur noch einen ideologischen Wert, der ihnen noch das Gefühl vermittelt, mit der Geschichte und damit auch der Identität Dêrsims verbunden zu sein.

Die bekannten Stämmen in Dêrsim8. und die Bevölkerungszahl einiger Stämmen zwischen 1927 und 1932 (*Mitte der 20igern): 

 

Abbasan (720 - 3700)

Axuçan

Alan

Alxan

Arîyan (3500*)

Aslan (2400*)

Aşuran

Atmanî

Avdalan

Baddilî

Baxtiyarî (3000*)

Balan (2000 im Jahre 1908)

Balaban

Bava Mansur

Berîtan

Birman

Beyt (1200*)

Bezgar (1300*)

Botan

Bozku

Butikan

Canbegan

Çarekan

Caferan

Ciban

Dêlikan

Demenan (4000)

Dilmaqan

Dimilî

 Derviş Cemal

Derwiş Gewr

Dirêjan

Ferhadan (3200*)

Gew

Gelabî

Giransor

Kuzuçan

Gûran

Ginîyan

Xiran (4000)

 Haydaran (3500)

Hesenan

Xormek (500*)

İksor 

İzol

Karabal (3500)

Karsan (500*)

 Kez

Keçel/Kalan (5000)

Kal

Kikoran

Kimsor

Kirxan (4000)

Koçan (2500 - 4000)

Qoçgirî (10 000 im Jahre 1908)

Kûrmeşan

Kubat

Qûrêyşan (5000)

Laçîn (1300*)

Lolan

Maksut (3000)

Mamekan

Millî

Nenikan

Oxçîyan

Parçikan

Pilvenk (3000)

Piran

Pali

Pezgoran

Resik

Rutan

Qerebash

Sari Saltik

Sawalu

Seydan

Soran

Şakak (Sekak)

Şam (1500*) 

Şadilî (3900)

Şemkan

Şêx Hasenan

Şêx Mehmed (500*)

Şavak

Sînemillî

Sisanî

Topuz

Usuvan/Yusufan (4000)

Zaza

Zerkan


 1Der Name wurde in der Türkei durch Tunceli ersetzt. Doch im Volksmund bezeichnet Dêrsim nach wie vor ein Gebiet, das die Provinzen Erzincan, Tunceli und Teile von Elazig (Nord), Bingöl (Nordwest) und Sivas (Nordost – Qoçgirî) umfasst. Der Ausdruck „Dêrsim“ widerspiegelt die spezielle Geschichte, Identität und Kultur der Bewohner, die über Jahrhunderten isoliert vor den restlichen Kurden hier lebten.

2In Europa kennt man diesen Dialekt unter den Namen „Zaza“ oder „Zazaki“. Renommierte Linguisten wie MacKenzie und Blau betonten in der Vergangenheit, die Eigenständigkeit dieses Dialekts, doch die Sprecher selbst betrachten sich als Kurden und ihren Dialekt als Kurdisch. Man konsultiere dafür: Blau, Joyce. “Gurânî et Zâzâ”. In: Compendium Linguarum Iranicarum, pp. 336-340. Edited by Rüdiger Schmitt. Dr. Ludwig Reichert Verlag. Wiesbaden, 1989. Mann, Oskar (ed. by Karl Hadank). Mundarten der Zaza, Kurdische – Persische Forschungen, Abt. III, Band IV. Berlin: Walter de Gruyter. 1932.

3Dêrsimi, N.: Hatiratim, Doz Yayinlari Ankara 1997, s. 10 ff. und “Kürdistan Tarihinde Dersim”. Halep (Aleppo, Syrien), 1952.

4Cengiz, Seyfi: Aşiret Aşiret Dersim: http://www.dersim.biz/html/asiret_asiret_dersim_.html oder http://www.dersim38.de/ (letzter Besuch: 01.07.08)

5Vgl. Firat, Gülsün: Sozioökonomischer Wandel und ethnische Identität in der kurdisch-alevitischen Region Dersim. 1997 Saarbrücken, s. 60 ff.

6Vgl. Bruinessen, M.M. van (1997). 'Aslini inkar eden haramzadedir!': the debate on the ethnic identity of the Kurdish Alevis. In K. Kehl-Bodrogi, B. Kellner-Heinkele & A. Otter-Beaujean (Eds.), Syncretistic religious communities in the Near East (pp. 1-23). Leiden: Brill.

7Interview mit M. Bayrak: http://zazaki.org/modules.php?name=News&file=article&sid=47 (letzter Besuch: 01.07.08)

8Siehe Cengiz und Firat o.e.a. Und Baran, Mamo: Kocgiri (Kuzey-Bati Dersim): Ekonomi, Politika, Tarih, Kultur, Edebiyat, Dil, Din, Cografya, 2002. M. R. Izady: The Kurds, Washington 1992. M. Sykes: The Kurdish Tribes of the Ottoman Empire, 1908. Naşit Hakkı Uluğ, Derebeyi ve Dersim, 1932. Kaya, Ali: Başlangıcından günümüze DERSİM TARİHİ, Istanbul 1999, s.81-94

Bildquelle: S- Cengiz: http://www.dersim38.de/ (letzter Besuch 17.05.2008).


Kurdenstämme der Region Dêrsim

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