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Organe: Kurdisches TV
Geschrieben am Donnerstag, 13. März 2008 von rinret

Organe Delal Ayaz schreibt:

Diyarbakır 1992 … Ein Augusttag … In jenen frühen Morgenstunden versäumte der sehr junge Journalist Burhan Karadeniz (dessen Schnurrbart erst zu wachsen begonnen hatte) es nicht, auf dem Weg zur Arbeit bei der Tageszeitung Özgür Gündem wie immer Vorkehrungen zu treffen. Etwa hundert Meter von seiner Wohnung entfernt, im Laufschritt auf dem Bürgersteig, konnte er dem plötzlichen Schuss und dem parallel dazu aus seinem Mund strömenden warmen Blut keine Bedeutung beimessen. Es war derselbe Moment, in dem er begriff, dass er in der kürzesten Zeitspanne seines Lebens erschossen wurde und zu Boden fiel.

Sein Bewusstsein war klar. Er hielt sich nicht zurück, den bzw. die Täter zu verfluchen. Während der Täter in den tiefen Schutzbereich des Staates eintauchte, lag Burhan blutüberströmt auf dem Bürgersteig. Er sprach und rief Parolen. Vielleicht aus diesem Grunde hatte es die Polizei nicht eilig, Burhan schnellstmöglich ins Krankenhaus zu bringen. Die Kugel hatte von hinten seinen Hals durchbohrt und war mit derselben Wucht unter seinem Kinn wieder ausgetreten. In Kurdistan, wo täglich drei bis fünf Menschen auf offener Straße hingerichtet wurden, arbeiteten die Rettungswagen leider nicht mit derselben Geschwindigkeit. Burhan wurde 35 Minuten, nachdem er von diesem gewaltigen Schlag getroffen worden war, ins Krankenhaus eingeliefert.

Der erste medizinische Eingriff wurde spät vorgenommen. Er lebte. Aber seine Beine, die ihn durch alle Straßen von Diyarbakır getragen hatten, konnten nicht mehr. Er war gelähmt. Er würde bis ans Ende seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein. Burhan kam nach Deutschland, um sich behandeln zu lassen. Und wurde ein politischer Flüchtling. Er gab den Journalismus aber nicht auf.

Der türkische Staat, der beharrlich der kurdischen Presse ihr Existenzrecht verweigert, ist nicht nur ein Staat, der Journalisten tötet und Morde begeht, sondern wird in die Geschichte als ein Staat eingehen, der die Büros einer Zeitung bombardierte. „Kräfte der dunklen Macht“, die viele Kolumnisten, Reporter und Zeitungsausträger tötete oder mit Behinderungen zurückließ, sorgten auch für die Schließung der Zeitung Özgür Gündem. An deren Stelle wurde die Özgür Ülke herausgebracht. Aber die Zentrale der Zeitung in Istanbul wurde in der Nacht des 4. Dezember 1994 durch eine Bombe zerstört. Dieser Angriff war im Rahmen des „Zum-Schweigen-Bringen“-Erlasses der damaligen Ministerpräsidentin Tansu Ciller durchgeführt worden, wie sich später herausstellte, und zog keinerlei Untersuchungen nach sich. „Gute Jungs“ hatten ein „Zentrum“ von Staatsgegnern getroffen: Die vierstöckige Zentrale wurde vollkommen zerstört. Die Mitarbeiterin der Zeitung Ersin Deniz verlor dabei ihr Leben. Dieser offene Terror des türkischen Staates gegen die kurdische Presse führte sowohl im Inland als auch im Ausland zu Reaktionen. Im Frühjahr 1995 war auch Burhan in seinem Rollstuhl unter den Gästen der Solidaritätsveranstaltung für Özgür Ülke in Leverkusen. Burhan sprach vor Tausenden Gästen Worte, die nicht nur die Ohren erklingen ließen, sondern in den Herzen eine unauslöschliche Spur hinterließen: „Die Mörder denken, dass sie mich in den Rollstuhl verbannt haben. Aber sie sollen wissen, dass dieser Rollstuhl eine Ehrenmedaille für mich ist.“

Es ist seltsam, aber dieser brünette kurdische Jüngling, der mit leicht gebeugtem Kopf sprach, erinnerte mich an den bekannten kurdischen Regisseur Yılmaz Güney, der sein Leben im Exil verlor. Als würde Burhan 1984 in Paris und Güney 1995 in Leverkusen sprechen. Das Exil hatte ihre Wege vereint.
Aus der Sicht von Burhan soll das nicht alles gewesen sein. Er hat mit seiner „Ehrenmedaille“ viele schöne Dinge, nie rostend und unauslöschlich, federführend begleitet.

Gegen Ende 1994 begann die Nachricht sich zu verbreiten: Die Kurden gründen ein Fernsehen. Nach den Gerüchten, die von Ohr zu Ohr gingen, hieß es, schon in ein paar Tagen würden die Testsendungen beginnen. Die Diskussionen zwischen den Skeptikern, die der Ansicht waren: „Die schaffen es nicht“, und den Zuversichtlichen, die meinten: „Die schaffen es“, nahmen einen wichtigen Platz im Tagesgeschehen ein.

Für die nicht-kurdischen LeserInnen dieses Artikels muss es ungeheuer schwierig abzuschätzen sein, was ein Fernsehgerät bedeuten kann. Es bedarf einer großen Empathiefähigkeit, etwas nicht Vorhandenes nachzuempfinden, während man zu Hause Dutzende TV-Kanäle in eigener Sprache sehen kann. Ich bin leider gezwungen zu behaupten, dass die moderne Welt diese Empathie den Kurden vorenthalten hat.
Wir waren sehr aufgeregt. Endlich würde die „Zauberbüchse“ auch in unserer Sprache sprechen. So wie am 22. April 1898 in der ägyptischen Hauptstadt Kairo die erste kurdische Zeitung „Kürdistan“ durch Mithat Bedirxan erschienen war, so sollte auch das erste kurdische Fernsehen im Exil seine Sendung aufnehmen. Eine ungeheure Sache, die noch einige Jahre zuvor nicht einmal erträumt werden konnte, sollte sich verwirklichen. Wie eine Revolution … Es war unglaublich. Es hieß, dass der Sender am 21. März auf Sendung gehen würde. Aber es klappte nicht. Ein Bekannter rief mich an: „Siehst du, sie haben es nicht geschafft. Die Kurden sind nicht zu etwas fähig, diese Kurden erst recht nicht!“ Ehrlich gesagt gab ich ihm Recht, obwohl mein Innerstes sich wehrte. Kurden und ein nationaler Fernsehsender … Vorurteile, im Kopf aburteilen, war das nicht immer eine Seite von uns?

Die Diskussionen und die Vorurteile fanden schließlich am 30. März ein Ende. Das erste Nationalfernsehen der Kurden, MED-TV, hatte mit der Testsendung begonnen. Es war ein Logo, das sich, untermalt von kurdischer Musik, ständig auf dem Bildschirm drehte. Diejenigen, die es gesehen hatten, erzählten ausgiebig denen, die es noch nicht zu Gesicht bekommen hatten, wie „kesk u sor u zer“, d.h. die nationalen kurdischen Farben Grün, Rot und Gelb, sich zeigten, wie schön das Logo von MED-TV war. Wer noch keine Satellitenschüssel hatte, besuchte Bekannte, um das Logo sehen zu können.

MED-TV beendete am 15. Mai seine Testsendung und ging in den normalen Sendebetrieb über. Jetzt wurden aus der Zauberbüchse die Nachrichten auf Kurdisch vorgetragen. Der Sendebeginn von MED-TV überschüttete das kurdische Volk mit Glück. Gleichzeitig machte es diejenigen, die die Verleugnung des kurdischen Volkes zu ihrer Hauptaufgabe gemacht hatten, äußerst wütend. Denn MED-TV kannte keine Grenzen. Es konnte in Kurdistan, im Mittleren Osten, auf dem Kaukasus und in Europa klar empfangen werden. Es wurde sozusagen eine Nation geschaffen. Das war vor allem für die anti-kurdische Politik der türkischen Republik ein heftiger Schlag. Aus diesem Grunde wurde MED-TV für sie zu einem wichtigen Angriffsziel.

Anfangs wurde in einzigartiger Weise versucht, die Übertragung zu verhindern. Störsignale attackierten den Satelliten und die Türkei war damit beschäftigt, „Signalterror“ auszuüben.
Damit nicht genug. Auf Intervention der Türkei stürmten belgische Sicherheitskräfte die Studios von MED-TV in Denderleeuw und schlossen den Sender. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass die Informationen, die die türkische Regierung den belgischen Vertretern hatte zukommen lassen, nicht der Wahrheit entsprachen. Diese Operation, bekannt unter dem Namen „Sputnik“, entwickelte sich in der Folgezeit regelrecht zu einem Skandal. Mit dem Groll, den die Türkei empfand, als sie ins Leere lief, klopfte sie weltweit an jede Tür mit der Forderung, MED-TV die Sendelizenz zu entziehen. Dafür gab sie Koffer voller Dollars aus. Schließlich musste MED-TV 1997 seine Sendungen unterbrechen, weil der Lizenzvertrag annulliert worden war. Am 15. August desselben Jahres nahm es den Betrieb erneut auf. Aber den ganzen Tag über war es wieder dem „Signalterror“ des türkischen Staates ausgesetzt.

Gegen Ende des Jahres 1998 verstärkte sich die Belagerung von MED-TV. Während einer Sendung am 9. Oktober, an der der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan telefonisch teilnehmen sollte, begann erneut der „Signalterror“. Dies setzte sich in Abständen fort. Schließlich wurde die MED-TV-Lizenz von der britischen ITC annulliert. Am 22. März 1999 ging MED-TV, endete unsere Liebe.
An jenem Tag strömten viele KurdInnen zum MED-TV-Studio, als sie von der Schließung erfuhren. Als das letzte Bild von MED-TV vom Bildschirm verschwand, wollten die Tränen der in der Cafeteria versammelten Menschen kein Ende nehmen. Die erste Liebe war außergerichtlich liquidiert worden.
Burhan Karadeniz brachte diese Liquidation auf die Formel: „Heute fand in jedem kurdischen Haus ein Begräbnis statt.“ Die Liebes- und Kampfader der ersten Liebe hatte sich dermaßen festgesetzt, dass nach kurzer Zeit CTV auf Sendung ging, später unter den Namen MEDYA und Mezopotamya TV. Um es klassisch auszudrücken: Das Recht der Kurden auf Information nahm seinen Platz in der Zauberbüchse unter einem neuen Namen ein. Andere kamen mit der Zeit hinzu. In der Zeit des Sturzes des Saddam-Regimes nahmen in Südkurdistan mehrere Satelliten-Fernsehkanäle ihren Betrieb auf. Kürdistan TV, Kurd-Sat sind darunter die größten und wichtigsten. Nachdem MEDYA TV seine Sendungen eingestellt hatte, begann ROJ-TV. Später kamen MMC, ein Musikkanal, ein Radiosender DENGE MEZOPOTAMYA, Zagros TV und betraten ebenfalls die kurdische Medienlandschaft. Im iranisch besetzten Teil Kurdistans beschleunigten sich die TV-Entwicklungen in den letzten Jahren. TISK, KOMELA, ROJHILAT ergänzte sich jüngst zu NEWROZ TV, das seit dem 21. März 2007 mit den Testsendungen begonnen hat.

Leider hat Burhan all diese Entwick­lungen nicht mehr gesehen. Im März 2003 verlor Burhan in Bochum sein Leben. Sein Leichnam wurde nach Kurdistan, in seinen Geburtsort Diyarbakır, die geheimnis- und liebevolle Stadt vieler Kurden, überführt und dort beigesetzt. Aber der Rollstuhl, der Burhan als Ehrenmedaille begleitete, ist in der belgischen Kleinstadt Denderleeuw ausgestellt, in der MED-TV, CTV, Mezopotamya TV und zuletzt ROJ-TV ihre Studios unterhielten, so dass jeder ihn sehen kann. Nun kann dieser Rollstuhl, die Ehrenmedaille der kurdischen Medien, es kaum erwarten, die kurdischen TV-Sender bei der Rückkehr in ihre Heimat federführend zu begleiten.

Cahit Mervan, Journalist, Brüssel


Kurdisches TV

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