KURDICA - Die Kurdische Enzyklopädie  
  Willkommen Home |  Über Kurdica |  Gästebuch |  Sponsoren |  Feedback  
Suchen


Menü

Allgemeine Geschichte: Lolan (Biradost)
Geschrieben am Montag, 06. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen

Die Lolan gehören zu den am weit verbreitesten Stämmen Kurdistans und können auf eine turbulente Geschichte ihres Stammes zurückgreifen.

Die Lolan sprechen je nach Gebiet; in Dêrsim, Gimgim, Xinûs, Qers usw. sind sie kirmanckîsprachig, während sie im Wan, Hekarî und Behdînan Kurmancî sprechen und in dem Gebiet Biradost teilweise sogar Soranî als Zweitesprache.

Name. Die Lolan führen je nach Gebiet zwei Namen, zum einen Lolan zum anderen Biradost. Der Name Biradost ist der Name eines Gebietes, was die Lolan früher als selbständiges Fürstentum kontrollierten.  Wahrscheinlich hat man ihnen den Namen Biradost aus dem Grund gegeben, weil das Fürstentum unter dem Namen Fürstentum von Biradost bekannt wurde. Der am meisten verbreitete Name dieses Stammes ist jedoch Lolan; in Dêrsîm, Serhed, Qocgirî, Wan, Chulemêrg führen sie nur den Namen Lolan, während sie in Behdinan auch den Alternativnamen Biradost tragen. Lolan (Rûbarî Lolan) wird ein Fluss im Lolanterritorium genannt.
Dieses Gebiet, das ausschließlich von den Lolan bewohnt wird, befindet sich nördlich von Rewanduz an der irakisch-iranischen Grenze. Das Gebiet Biradost grenzt im Südwesten an das ehemalige Territorium der Soran-Fürsten, im Norden an Hakkarî, im Osten an das Mergewargebeit südwestlich von Urmîye und besteht aus hohen Bergketten, welche Biradost (Chîyayen biradost) genannt werden. Diese Schluchten des Biradostareals wurden von vielen europäischen Reisenden Anfang des 20. Jh. als "die wildesten Gebiete des Nahen Ostens" bezeichnet.

Laut Sherefname sind die Lolan Nachkommen der Gûran, welche nach Norden auswanderten. Demnach stammt der Lolan Clan von den kurdischen Barzanîkan/Barzanî, die Begründer der Hasanwayhiden (959-1015) Dynastie, die in Dinawar nordöstlich vom heutigen Kermanshan als eine selbständige Dynastie lange herrschten, ab. Sheref Khan zufolge stammten die Lolan von einem gewiesen Fürsten namens Hîlal der Hasanwayhiden Dynastie. Nachdem das Königreich der Hasanwayhiden von den Daylemiten beseitigt wurde, wanderten die Lolan, welche als Nachkommen dieses Hîlal galten, nach Norden in die südlichen Gebiete von Urmîye, welches bereits damals Biradost genannt wurde.

Das Fürstentum der Lolan, welches wie bereits erwähnt unter dem Namen "das Fürstentum von Biradost" bekannt war, wird von Sheref Khan unter den kurdischen Stammesdynastien erwähnt. Das Fürstentum von Biradost befand sich in jenem Gebiet, das heute noch Biradost genannt wird und zerfiel in drei Zweige, deren Hauptstadt sich in damals im safavidischen Kurdistan befand. Die Zweige der Biradost waren die Soma, Tengewer und Kela Davud. Die Fürsten behaupteten von einem gewiesen "Bîhal"(vgl. Hîlal) abzustammen, Sheref meint; dass mit Bîhal der Fürst aus dem Hasanwayhiden-Haus Hîlal, gemeint ist.
Den Höhepunkt ihrer Macht erreichten die Fürsten von Biradost unter dem legendären Fürsten Mîr Xanê Lepzêrîn, welcher in Dimdim versuchte, die Unabhängigkeit seines Fürstentums zu erlangen. Die Schlacht von Dimdim, wie sie in die Geschichte einging, wurde von den Biradost und Mukrî-Fürsten geführt. Da das Osmanische Reich und die Safaviden Kurdistan nur schwach kontrollierten, blieb den kurdischen Fürsten ihre Unabhängigkeit weitgehend erhalten. Diese Freiheit währte ca. drei Jahrhunderte. Im 19. Jahrhundert versuchten dann einige Fürsten auf Kosten der Zentralgewalt ihre Macht zu stärken.

So fielen zum Beispiel die Gebiete der Bahdînan im Norden und der Baban im Süden dem Expansionsdrang von dem Mîr von Soran von Rewanduz zu. Mihemed Pascha, so sein Name, wurde wegen der Erblindung eines seiner Augen auch Mîrê Kor, blinder Fürst, genannt. (Martin Strohmeier, Lale Yalcin-Heckmann, Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur). Ebenso unterlagen die Lolan diesem Fürsten.  Mihemed Beg wurde durch Abdul-Medjid zum Pascha ernannt und erhob weiterhin Anspruch auf Mergewar und Shinû.  In Nalos jedoch stieß er dabei auf Widerstand durch Azîz Beg, vom Stamme der Lolan. Mîrê Kor's Kriegsausrüstung war jedoch dem von Azîz Beg überlegen, da dieser Kanonen, gegossen in Rewanduz von einen Hûsta Receb, sein Eigen nennen konnte, womit Mîrê Kor den Kampf gewann. Seit dieser Zeit hatten die Lolan ihre Unabhängigkeit in Bezug auf das Stammesleben verloren.

Die Unterclans der Lolan wurden damit von anderen Stammeskonföderationen aufgesogen.  (Nikitine: RAWANDÎZ, in: EI1) Denn die Lolan stellten bis dato einer der wichtigsten Stammeskonföderationen im zentralen Kurdistan dar. Bruinessen zufolge sind die sog. Stammeskonföderationen in Kurdistan eine territorielle oder nationale Einheit, und sie haben bisher stets eine Einigung unter der kurdischen Nation verhindert. Zudem, solche Konföderationen segmentärer Stämme sind jedoch äußerst fragil. Sheref, Autor der Adelschronik aus dem 16. Jahrhundert und Spross eines kurdischen Adelgeschlechtes, beklagt dies mit folgenden Worten: "Eintracht und Harmonie herrschen nie unter den kurdischen Völker. Sie lehnen jede Unterwerfung ab, und keines leisten dem anderen Gehorsam, keines will sein Haupt vor dem anderen beugen". Auch Ehmedê Xanî, der kurdische Nationaldichter aus dem 17. Jahrhundert, beklagt in seinem epischen Gedicht die Uneinigkeit der Kurden: "Wenn es nur Eintracht gäbe unter uns, wenn wir nur einem zu gehorchen hätten, er würde zu Vasallen machen die Türken, die Araber und Perser allesamt. Wir würden unsere Religion und unseren Staat vollenden und uns in Weisheit und Gelehrsamkeit erziehen." Der Wunschtraum des großen kurdischen Dichters, im 17. Jahrhundert unter dem Titel "Derde ma" (Unser Leiden) niedergeschrieben, blieb bis heute zuletzt auch dank den Häuptlinge kurdischer Stämme, unerfüllt.

Bei den kurdischen Aufständen des 20. Jh. spielten die Lolan sowohl in Dêrsim und Serhed als auch in Bahdînan eine enorm wichtige Rolle; Laut Bruinessen, der die Lolan neben den Xurmekan zu den zwei wichtigsten kurdisch-alevitischen Stämmen in Nordkurdistan außerhalb von Dêrsim zählt, wendeten sich die Lolan in Gimgim gegen Scheich Said und halfen den Türken gegen die Partisanen von Scheich Said. Auch während dem Aufstand von Dêrsim haben die einige Zweige der Lolan in Dêrsim eine negative Rolle gespielt, indem sie sich auf die Seite des türkischen Staates stellten und die kurdischen Aufständischen bekämpften.

Nachdem eine Reihe kurdischer Aufständen zum Beginn des 20. Jahrhunderts in den Botan, Chûlemêrg und Bahdînan Gebieten, von den Fremdmächten niedergeschlagen waren, sah sich Shêx Ehmed von den Berzanî, der schon davor einmal geschlagen worden war, gezwungen, gegen die Briten zu rebellieren und probte daraufhin erneuet einen messianisch inspirierten Aufstand. Er wurde jedoch vom rivalisierenden Naqshîbendî-Scheich Reshîd, der beim östlich angrenzenden Stamm der Lolan großen Einfluss hatte, bekämpft und schließlich von der britischen Luftwaffe niedergerungen. (Vgl. . (Wimmer, Andreas, "Stammespolitik und die kurdische Nationalbewegung im Irak", in: C. Borck, E. Savelsberg, S. Hajo (Hg.), Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan, S. 11-43, Münster: Lit, 1997) Während dem Aufstand von Berzanî standen die Lolan zunächst auf der Seite des irakischen Staates und dienten ihnen als bewaffnete Milizen, welche gegen Berzanî kämpften; Sobald jedoch das neue irakische Regime fest genug im Sattel saß, um nicht länger auf kurdische Autonomisten als Verbündete angewiesen zu sein, begann die den Barzanî feindlich gesinnten Stämme, insbesondere die Lolan und Zibarî, mit Waffen und Geld zu unterschützen. ( Edgar O'Ballance; The Kurdish Revolt: 1961-1970 - 1973) Anfänglichen standen die Lolan, Zibari, Surcî und Herkî sofort auf der Seite der Regierung. Dies änderte sich durch Barzanîs militärischen Erfolge, die immer mehr Stämme, die sich bis dato abseits gehalten hatte, auf seine Seite zogen, und so festigte sich sein Ruf als des einzige fähigen Führers der Kurden. So erweiterte sich Barzanîs Koalition, bis sie im Frühjahr 1965 sogar die Zibari, Lolan und ein Teil der Herkî umfasste. Im Sommer wechselte auch der einflussreiche Shêx Mihamed Lolan die Seite, so dass die im Sold der Regierung stehenden Stammeskämpfer kaum mehr als 3 000 Mann ausmachten. (Vgl. Ethnic Groups in Conflict von Donald L. Horowitz von University of California Press)
Seit dieser Zeit haben sich die Lolan den Barzanis angeschlossen und nicht mehr gegen sie agiert sondern sie im Kampf unterstützt.


Lolan (Biradost)

Keine anonymen Kommentare möglich, bitte zuerst anmelden

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.



Die Artikel sind geistiges Eigentum des/der jeweiligen Autoren,
alles andere © 2008 - 2018 by KURDICA - Die Kurdische Enzyklopädie
Seitenerstellung in 0.0393 Sekunden, mit 17 Datenbank-Abfragen | Kurdistan Online Magazin