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Literatur/Sprache: Orthografie des Kirmanckî
Geschrieben am Donnerstag, 05. Januar 2012 von Baran Ruciyar

Linguistik Berxwedan schreibt:

Da das Kurdische nicht aus einer einheitlichen Hochsprache besteht, sind infolgedessen die schriftlichen, d.h. die orthographischen und grammatischen Standardisierungsprozesse in Bezug auf die jeweiligen Dialekte unterschiedlich fortgeschritten. Aufgrund der heterogenen Sprachlandschaft Kurdistans schreitet die Entwicklung der kurdischen Sprache (bzw. Sprachen) und ihrer Subsprachen je nach Region anders voran. Hierbei sind allmähliche Bemühungen in der Standardisierung des Kirmanckî (Zazakî) zu erkennen.



Das Kirmanckî hat im Gegensatz zum Kurmancî oder Soranî seine Schriftsprache verhältnismäßig spät entwickelt. Das erste schriftlich verfasste Werk ist das „Mewlûde Nêbî“ von Ehmedê Xasî, ein religiöses Werk, welches am 25. März 1899 in Diyarbakir durch den Litografya-Verlag veröffentlicht wurde. Diese Lobschrift an den Propheten Muhammed wurde in arabischen Lettern verfasst. 1985 erfolgte die erste Transkription in das kurdisch-lateinische Alphabet durch Malmîsanij, welche in der vierten Ausgabe der kurdischen Zeitschrift „Hêvî“ erschien.

Somit heißt das, dass bis zu den frühen Achtzigern das Kirmanckî kaum literarischen Stellenwert besaß und nur mündlich überliefert wurde. Seit über 20 Jahren bemühen sich diverse Institutionen und Interessengruppen um eine Standardisierung, jedoch entwickelten sich die Organisationen unabhängig voneinander, da aufgrund ideologischer Differenzen keine übergreifende Kooperation stattfand. So kristallisierte sich jedoch die Arbeitsgruppe „Vate“ heraus, die seit 1996 durch nunmehr 15 Konferenzen, 31 Ausgaben ihrer Kulturperiodika und zahlreichen Publikationen des hauseigenen Verlages erheblich zur Standardisierung und Entwicklung des hochsprachlichen Kirmanckî beigetragen hat. Die strikte und einheitlich Kontinuität sowie die weitgreifende Ausbreitung der Bemühungen der Arbeitsgruppe Vate heben diese auf ein sehr hohes, doch seriöses Einflussniveau.

Nichtsdestotrotz nehmen nicht alle Sprecher und Schreiber des Kirmanckî den vorgeschlagenen Standard wahr. Somit herrscht, vor allem im Internet, ein schwer überschaubares literarisches Chaos. Um dem ein wenig entgegen zu wirken, sei im Folgenden ein kleiner Einblick in gewisse orthographische und grammatische Problemfelder geworfen.

 

  I.        Alphabet

 Das standardisierte Kirmanckî verwendet ebenso wie das Kurmancî und das latinisierte Soranî das kurdisch-lateinische Alphabet, welches 1930 von Celadet Ali Bedirxan eingeführt wurde. Das kurdische Alphabet besteht aus 31 Buchstaben, davon 23 Konsonanten und 8 Vokale. Die Aussprache korrespondiert weitgehend mit der Schreibweise.  

 

 

Buchstabe 

IPA-Transkription 

Beispielwörter im Kirmanckî 

A 

[a] 

adir, ardî 

B 

[b]

bawo, biaqil 

C 

[dʒ] 

cor, cêr, ca

Ç

[tʃ] 

çar, çim, çep 

D 

[d] 

dest, dewe 

E

[ɛ], [ə] 

ez, erd, name

Ê

[e], [je] 

êzîdî, Dêrsim 

F

[f]

fek, ferheng

G 

[g] 

game, giran

H

[h] 

her, heş

I 

[ɨ] 

kirmanc, bin

Π

[i] 

înan, îslam 

J 

[ʒ] 

jan, jêhatî

K 

[k], [k’], [kj], [k’j]

kitab, kirr, kurd

L 

[l], [ɫ] 

lal, lane

M

[m] 

merdim, ma 

N

[n] 

nan, nêrî 

O 

[o] 

oda, gole 

P

[p], [p’], [pj], [p’j] 

pîr, pêro, pêl 

Q 

[q] 

qirrayene, qise 

R 

[r] 

rind, birr, ara

S 

[s]

sole, sûr, sêşeme

Ş

[ʃ] 

şeme, şima, şeş

T

[t], [t’], [tj], [t’j] 

ti, têde, tal

U

[ʊ], [ʉ] 

uca, utî, kurdkî

Û

[u], [y]

ûsul, lû, dû

V 

[v] 

va, verg 

W

[w]

waye, wayîr, awe

X 

[x], [ɣ]

xo, xirab, axa 

Y

[j]

yar, yew 

Z

[z] 

zor, zaf, zimbêl

 

 

Daneben existiert der Digraph „xw[xw], der z.B. in Wörtern wie „xwezî“ (Wunschpartikel im Konjunktiv) oder „xwendî“ (Geladener) vorkommt.

Das Alphabet lässt genug Spielraum in der Aussprache, sodass lokale Varietäten ihren individuellen Charakter beibehalten können jedoch die Schriftsprache nichts in ihrer Verständlichkeit einbüßt.

In einigen fälschlicherweise aufgeführten Alphabeten werden die Buchstaben ı, ü und ğ verwendet. Dies mag vielleicht mit der Orientierung am türkischen Alphabet zusammenhängen, jedoch repräsentiert ı lediglich den Buchstaben i, wobei ü eine regionale Abweichung von u oder û, ğ eine von x ist. Diese Laute sind zwar einzeln existent, doch keineswegs im gesamten kirmanckîsprachigen Gebiet in derselben Art und Weise. Hier lässt das oben aufgeführte standardisierte Alphabet phonetischen Spielraum, wobei die genannten Interpretationen mit ihren irrigen Ausführungen lokale Disparitäten aufführen

 

 

 

   II.        Einige allgemeine orthographische Anmerkungen

 

 

 Im Folgenden eine kurze Liste oft aufgeführter Rechtschreibfehler

 

 

1. Der Bindekonsonant

 

 

 Im Kirmanckî folgen nie zwei Vokale aufeinander (Ausnahmen sind diverse Fremd- oder Lehnwörter). Zwischen den Vokalen steht stets ein Konsonant. Selbst wenn dieser Konsonant im einigen Mundarten schwindet oder gar unhörbar schein, so muss er als ein striktes Gesetz der Rechtschreibung gesetzt werden. Diesen Verbindungskonsonant bzw. Übergangslaut stellt der Buchstabe „y“.

 

 

 

Falsche Schreibweise

Richtige Schreibweise

Deutsche Übersetzung 

ae

aye

Ihr, Ihrs, Ihre

mae

maye

Muter

pîa

ya

gemeinsam

cîa

ya 

getrennt 

biraê mi 

birayê mi 

mein Bruder

qelema sîae

qelema sîyaye

der schwarze Stift 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch wenn es Unstimmigkeiten in einigen Mundarten geben sollte, so ist diese Regel einzuhalten, da sie zwar die schriftliche Wiedergabe vorschreibt, jedoch phonetischen Freiraum lässt, was die schriftliche Kommunikation trotz Mundartdifferenzen einwandfrei ermöglicht.

Lokale Varianten des Bindekonsonanten können die Wandlung in ein w [w] oder gar das komplette Verschlucken desselben sein.

 

 

2. Unbetontes î

 

 Einige grammatische Modi und Kasus verlangen Suffixe, die im Kirmanckî teilweise auf –î enden. Da der Bindekonsonant y gesetzt werden muss, falls das zu beugende Wort einen Vokalauslaut besitzt, gibt es die zusätzliche Variante –yî für das Suffix. Ein Beispiel zum Auftauchen des Suffixes ist der Plural im Nominativ oder das maskuline Casus Obliquus im Singular.

Dieses Suffix ist jedoch stets unbetont und fällt phonetisch nur indirekt auf (z.B. durch die Deklination des nachfolgenden Wortes). Allerdings muss es stets ausgeschrieben werden, damit die grammatische Beständigkeit, Konsequenz, Kohärenz und Verständlichkeit gegeben sind. Abweichungen diverser Mundarten seien hierbei nicht in der Hochsprache verankert.

 

 

 

Falsche Schreibweise

Richtige Schreibweise

Deutsche Übersetzung

biray

bira

Brüder 

Mi gay ard

Mi ga ardî

Ich habe die Ochsen gebracht

To dar birnay

To darî birna

Du hast die Bäume gefällt / abgesägt 

Kam nê dew vêşnay?

Kamî nê dewî vêşna?

Wer verbrannte diese Dörfer?

Dêrsim de koy berz ê 

Dêrsim de ko berz ê 

In Dêrsim sind die Berge hoch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Auseinanderschreiben der Kopula

 

 Die Kopula „bîyene“ (sein) wird wie jedes andere Verb einzeln und getrennt aufgeführt. Es lässt sich vielleicht erneut auf den Einfluss des Türkischen zurückführen, dass die Kopula manchmal fälschlicherweise wie ein Suffix an das vorhergehende Wort angehängt wird, jedoch sei diese Schreibweise ebenso inkonsequent wie verwirrend, da die Kopula mit Suffixen der Izafe, diversen Modi o.ä. verwechselt werden könnte.

 

 

 

Falsche Schreibweise 

Richtige Schreibweise

Deutsche Übersetzung 

Eza 

Ez a

Ich bin (es)

Nameyê mi Delala

Nameyê mi Delal a

Ich heiße Delale

Ma kurdîme

Ma kurd îme

Wir sind Kurden

Oyo ko şono 

O yo ke şono

Er ist es, der geht

Oyo ke şono 

 

Oyo ke şono

Der gehende (Der, der gerade geht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Auseinanderschreiben der Prä-, Post- und Zirkumpositionen

 

 Prä-, Post- und Zirkumpositionen werde ebenso getrennt und einzeln geschrieben, da sie keine Kasusanhängung oder dergleichen darstellen. Hierbei kann ebenfalls der Verdacht naheliegen, dass der Einfluss der türkischen Orthographie Auswirkungen auf die schriftliche Wiedergabe einiger Muttersprachler hat.

 

 

 

Falsche Schreibweise

Richtige Schreibweise

Deutsche Übersetzung

mirê

mi rê

Zu mir, für mich

keyede 

keye de 

Zuhause, im Haus

cêro 

cêr (r)o 

oberhalb, nach oben

sero

ser (r)o 

über, oben 

binde

bin de

unten, drunter 

To pîyê tode qisey kerd?

To pîyê to de qisey kerd? 

Hast Du mit Deinem Vater gesprochen? 

O kotîro şî? 

O kotî ro şî? 

Wolang ging er (hinauf)? 

Ez bi tora pîya şonîme

Ez bi to ra pîya şonîme

Ich gehe mit Dir mit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Quellen:

 1.     Çem, M., Kirmancca Gramer (Die Grammatik des Kirmanckî), DENG Yayinlari, 2003, Istanbul 

2.      Grûba Xebate ya Vateyî, Rastnuştişê Kirmanckî (Zazakî) (Rechtschreibung des Kirmanckî / Zazakî), Weşanxaneyê Vateyî, 2005, Istanbul 

3.      Grûba Xebate ya Vateyî, Ferhengê Tirkî-Kirmanckî / Kirmanckî-Tirkî (Wörterbuch Türkisch-Kirmanckî / Kirmanckî-Türkisch), Weşanxaneyê Vateyî, 20042, Istanbul

4.      Gunduz, D., Kirmancca Dil Dersleri, (Kirmanckî Sprachkurs) Weşanxaneyê Vateyî, 2006, Istanbul 

5.      Lezgîn, R., Mewlûdê Nebî yê Ehmedê Xasî, URL: http://www.netkurd.com/gotar_bixwine.asp?id=1810&yazid=167 (Zuletzt aufgerufen am 20.12.2008)

6.      Malmîsanij, Zazaca-Türkçe Sözlük / Ferhengê Dimilkî-Tirkî (Wörterbuch Zazakî-Türkisch), Weşanên DENG, 1992, Istanbul

7.      Malottke, T., Lehnwortadaption im Zazaki, GRIN – Verlag für akademische Texte, 2006, Norderstedt

8.   Zilfi, S.: Grammatik der Zaza-Sprache, Nord-Dialekt (Dersim-Dialekt), Berlin, Wissenschaft & Technik Verlag 1998

 

 

 

 


Orthografie des Kirmanckî

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