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Stämme : Sînemillî
Geschrieben am Freitag, 03. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen

Sînemillî, ein kurdisch-alevitscher Stamm und Ocak1, der in den Provinzen Maraş, Erdehan, Semsûr, Meledî, Sêvas, Erzîngan, Qeyserî und Dîlok beheimatet ist.

Zweifellos gehört die kleine Sinemillî-Konföderation zu den bevölkerungsreichsten seiner Art in Nordkurdistan. In Maraş, wo heute der größte Teil von ihnen beheimatet ist, stellen sie ca. 50% der gesamten kurdischen Bevölkerung dar2. Die ersten schriftliche Quellen über die Einwanderung kurdischer Stämme in diesem Gebiet bestehen aus osmanischen Staatsdokumenten. Die allgemeine Annahme ist, dass die Kurden in der ersten Hälfte des 17. Jh. aus Dêrsim nach Maraş und Umgebung einwanderten3.

Der etymologische Ursprung und die Bedeutung des Namen Sinemillî wird in den Quellen verschieden interpretiert. Der allgemeinen Annahme nach besteht der Name aus zwei Silben Sîne Millî, was soviel wie der Sîn von Mill(î)an bedeuten wurde. Dabei wird Sîn von dem Namen Sînan hergeleitet, Millî dagegen ist eine große Stammeskonföderation in Kurdistan. Der Stamm Millî, dessen Zentrum gegenwärtig Weranşehr ist, wird bereits im 16. Jh. in den osmanischen Staatsdokumenten in Dêrsim, Çemîşgezek erwähnt. Der Name könnte tatsächlich mit dem Millî verknüpft sein, da es einige Parallelen zwischen den Stämmen gibt. Der Zweig der Millî in Dêrsim ist z. Bsp. wie die Sînemillî in religiöser Hinsicht alevitisch und spricht einen Dialekt, der mit dem der Sinemillî nahezu identisch ist4. Unweit von dem Siedlungsort der Millî in Dêrsim gibt es ein Nahiye namens „Sîn“. Die Bewohner von „Sîn“, aus dem Stamm der Kirgan, behaupten aus Swerege nach Sîn5 eingewandert zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Ort früher von den Sînemîllî bewohnt wurde und sie danach benannt wurden ist, ist gering, da keinerlei Beweise dafür existieren. Dagegen bringt Karakaya einigen Argumenten an, die den Ursprung dieses Stammes nach Palo zurückführen6; die Sînemillî seien vor ihrer Abreise in der Region Dêrsim sunnitische Muslime gewesen. Von Bayrak und Karakaya werden verschiedene, unter den Sînemillî weitverbreiteten Ursprungmythen überliefert, die jedoch alle eine auffallende Gemeinsamkeit aufweisen. Die Auswanderung aus Dêrsim. Die Auswanderung der Sînemillî aus Dêrsim, über Qoçgirî, wird von Bayrak und Karakaya auf dem 17. Jh. datiert.

Nach ihrer Emigration nach Maraş taucht der Name gelegentlich in den osmanischen Staatsdokumenten auf7; Cevdet Türkay nach waren die Sînemillî bereits im 17. Jh. in Elbîstan ansässig8. In der darauffolgenden Zeit werden die Sînemillî von mehreren europäische Reisenden und Forscher registriert. Bayrak hat die europäischen Bibliotheken durchsucht und die vorhandenen Quellen gesammelt und sie in der 32. Ausgabe der Zeitschrift Bîrnebûn ausgelegt9.

Die Simemilli-Konföderation hat im Gegensatz zu anderen kurdischen Clanverbänden zwei Besonderheiten: Zum einen haben sie innerhalb der Konföderation ein vergleichbares akephales System, was bedeutet, dass die vielen Unterclans keinem zentralregierenden Agha angehören, sondern sie sind alle unabhängig voneinander10. Innerhalb des Clans aber, findet man ein hierarchisches System wieder, an dessen Spitze ein Agha steht. Zum anderen sehen sich die Sinemilli durch ihre Genealogie verbunden. Alle Mitglieder dieser Konföderation sehen ihren Ursprung in einer Wurzel, wodurch die Konföderation zusammenhält. Doch nicht alle Clans; einige ihrer Clans sind anscheinend kurdisch-alevitische Stämmen aus Dêrsim, die mit den Sînemillî nach Maraş auswanderten. Maksutan, Haydaran und Şemsikan sind zwei Stämmen, die man auch in Dêrsim als unabhängige Stämme trifft. Andere Clans der Sînemillî-Konföderation sind: Azîzan, Kalender, Nader (vgl. Nadirli), Memikan. Die Kalender leben auch u.a. in Erzîngan.

In den letzten Jahrzehnten ist, ein großer Teil der Sînemillî in die türkischen Metropolen oder nach europäische Staaten ausgewandert. Iskenderun, Istanbul und Antep beherbergen eine große Bevölkerungsanteil der Sînemillî-Kurden, darüberhinaus leben viele auch in der BRD. Nürnberg, Hamburg, Bielefeld und Ruhrgebiet sind die meisten von ihnen mittlerweile beheimatet. Die Gründen für diesen Auswanderung von solch einer größeren Masse, waren in erster Linie ökonomisch bedingt, aber die Aktivitäten der PKK in Maraş führten auch dazu, dass die Sînemillî Gebiete zum Zielscheibe der türkischen Militärs wurden. Tatsächlich wurde die Vertreibungspolitik des türkischen Staats auch in Maraş angewandt, viele Sînemillî-Kurden wurden aus ihren Dörfern vertrieben und flüchteten nach Iskenderun, Istanbul oder Dîlok, besonders betroffen waren die Dörfer in Bazarcix und Nûrheq (vgl. verbrannte Dörfer in Nordkurdistan).

 

 


1Übersetzt: Herd. Die alevitische Gemeinde ist in religiösen Institutionen Dedelik und Ocak organisiert; wobei Dedelik im Zuge des gesellschaftlichen Transformationsprozesses in den 60iger Jahren ihre Bedeutung und Autorität fast gänzlich verloren hat. Die zum Dede befähigten religiösen Spezialisten entstammen aus den so genannten heiligen Stämmen, die als Ocak bekannt sind. Vgl. Aleviten, Axucan, Xidir Aryan etc.. ebenfalls eine ausführliche Studie über die religiöse Institutionen im alevitischen Glaube wird bald von J. Karolewski, R. Langer, R. Motika erscheinen: Das Alevitentum und seine religiösen Institutionen (dede, ocak) in osmanischen Wörterbüchern des 19. Jahrhunderts", in: Ocak und Dedelik: Institutionen religiösen Spezialistentums bei den Aleviten, Hg.: J. Karolewski, R. Langer, R. Motika, (Heidelberger Studien zur Geschichte und Kultur des Vorderen Orients), Frankfurt a.M. 2008, 28 S. [im Druck]. 
2Diese Einschätzung ist meiner Ansicht nach keineswegs übertrieben, wenn man die bei Bayrak aufgelisteten Sinemillî-Dörfer in den Provinzen Maraş, Malatya und Kayseri in Betracht nimmt. Man konsultiert: Bayrak, Mehmet: Binbogalarda Kürt Aşiretleri, In: Bîrnebûn 5, 1998, s. 56-63. Etwa 3/5 der angeführten Dörfer in Sariz, Elbîstan und Bazarcix werden von den Sînemillî bewohnt, hinzu kommt, dass ein beträchtlicher Teil der Sînemillî in Bazarcix- und Elbîsta Zentrum wohnhaft ist.

3Auch davor gab es in diesem Gebiet anscheinend kurdische Kolonien, doch verzeichneten diese einen großen Zuwachs, als es im 16. und 17. Jh. zu beachtlichen Einwanderungen aus Dêrsim kam. Bayrak legt dieses Faktum ziemlich detailliert dar: vgl. Bayrak, Mehmet: Içtoroslarda Kürt Aşiretleri, In: Bîrnebûn 31, 2006, s. 57-67. Karakaya die sich auf Oralhistorie der Sinemillî schützt, datiert ihre Ankunft in Maraş auf 1700. vgl. Karakaya-Stump, Ayfer: Sinemilliler Bir Alevi Ocagi ve Asireti, in: Kirkbudak Dergisi Vol. 6 Ankara, 2006.

4Sowohl die Millî in Dêrsim als auch die Sînemillî in Maraş usw. sprechen einen Dialekt des Kurmancî-Kurdischem, der sich Wesentlich von den anderen Subdialekten unterscheidet. Wenn man den Einfluss der Kirmanckî auf den Dialekt der Millî in Dêrsim ignoriert, so gebe es beinah keine hervorzuhebenden Unterschiede zwischen den Dialekten dieser Stämmen.

5Vgl. Seyfi Cengiz: Şah Hasan & Seydan Grubu (7), URL: http://f28.parsimony.net/forum68141/messages/5644.htm (Letzter Besuch: 12.07.08).

6Vgl. Karakayan. Das Grad des „Sultan Sinemillî“ in der Nähe von Palo.

8Dessen Forschungen basieren auf die Staatsdokumenten des osmanischen Reiches.: vgl. Cevdet Türkay: Başbakanlık Arşivine Göre, Osmanlı İmparatorluğunda Oymak, Aşiret ve Cemaatler, İstanbul 1979.

9Bayrak, Mehmet: Ictoroslarda Sinemilli Asireti ve Komsulari, in: Bîrnebûn 32, s. 43- 55.

10Man konsultieren dazu: Jandarma Genel Komutanlığı: Kürt asiretleriyle ilgili gizli belgeler, 1970, s. 60 – 62.


Sînemillî

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