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Politik: Serhildan
Geschrieben am Samstag, 31. Oktober 2009 von Baran Ruciyar

Politik in Kurdistan

Serhildan (kurmancî: Ser “Kopf“, hildan “erheben“ für “Erhebung“ manchmal als „Aufstand“ übersetzt, kirmanckî: Serewedaritiş) ist die kurdische Bezeichnung für einen (Volks)aufstand. Primär bezeichnet der Begriff eine Reihe von tribal oder/und religiös inspirierten kurdischen Aufständen in dem Zeitraum von 1880 bis 1960 (vgl. Chronologie kurdischer Aufstände).

Des Weiteren werden die Großdemonstrationen und Protestaktionen in allen Teilen Kurdistans seit den 1990er Jahren (vgl. Kurdische Intifada) generell als Serhildan (Volksaufstand) bezeichnet.

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte eine Welle von Protestaktion in nordkurdischen Städten ein. Den Anfang dieser gewaltsame Protestaktion markierten die Auseinandersetzungen während des Newroz-Festes mit Sicherheitskräften in Nisêbîn. In Adana, Mersin, Istanbul, Ankara, Çolig, Wan, Hekkarî, Şirnex, Mêrdîn, Mûş, Sêrt, Riha und Agirî kam es spontan zu großen Ausschreitungen. Schnell entwickelt sich daraus eine Massenbewegung, die in der Literatur mit der palästinensischen Intifada verglichen wird; Die kurdische Nationbewebung erreichte in diesen Serhildan ihren Höhepunkt. Die Bilanz dieser Serhildan war erschreckend. Allein in Cizîra-Botan kamen mehr als 50 Menschen durch die Sicherheitskräften ums Leben. Danach wurde Nordkurdistan durch eine Repressionswelle erschüttert, gefolgt von erdrückenden Sicherheitsmaßnahmen und Staatsterror.

Nach der Niederlage der Saddam-Diktatur im Zweiten Golfkrieg, kommt es zu einem Volksaufstand im schiitischen Irak. Die USA warnten Saddam vor den Einsatz chemischer Waffen gegen die eigene Bevölkerung. Diese Äußerungen des US-Präsidenten Bush stoßen auf großes Echo in Kurdistan. Am 5. März 1991 wird der Grundstein des “Serhildan von 1991“ in der Stadt Ranya gelegt: „Nachdem ein Deserteur der irakischen Armee zwei Agenten der Geheimpolizei erschießt, stürmen die Menschen die Polizeistation und die Büros des Geheimdienstes. Im Büro des Geheimdienstes ,für die inneren Angelegenheiten` werden zwölf Personen erschossen“ (Salih; s. 64). Danach, bis zum kurdischen Neujahrsfest Newroz, werden nach und nach fast alle kurdischen Städte und Dörfer von den Baathschergen befreit. Die Peşmerga übernehmen die Kontrolle in den vom Volk befreiten Gebieten. Weiteres unter “Volksaufstand von 1991“.

In der westkurdischen Stadt Qamişlo kam es bisher mehrfach zu Serhildan. Am 12. März 2004 wurden die Kurden nach einem Fußballspiel von Sicherheitskräften und Baathsympathisanten auf brutaler Art und Weise angegriffen. 12 Tote waren zu beklagen. Das Pogrom rief bei der Bevölkerung Wut hervor, es kam zu einem Serhildan, das mehrere Tagen andauerte.

Im Iranisch-Kurdistan, in den Städten Mihabad, Pîranşar, Sîne, Bukan und Merîvan kam es im Jahre 2005 zu einem “Mini-Serhildan“. So sammelten sich 50.000 Menschen am Çar-Çira-Platz und demonstrierten gegen die iranische Unterdrückung. Die Massenbewegung wurde von Polizisten und paramilitärischen Basic-Regimenter gewaltsam unterdrückt.

Im Jahre 2007 kam es unter den Kurden in Europa und Nordkurdistan auf Aufruf von der PKK zu Massendemonstrationen. Das Motto dieser Bewegung war “Êdî Bes e!“ (dt. Es reicht!). Die Demonstrationen verliefen im Vergleich zu den 90ern weitgehend friedlich. Besonders in Çolemêrg und Diyarbekir kam es zu brutalen Angriffen auf kurdische Kinder, die große Kritik ernteten. In Adana und Diyarbekir wurde ca. 20 Kinder, meist unter 16, die sich an den Demonstration beteiligt hatten, verhaftet und inhaftiert.


Quellen: Azad Salih: Freies Kurdistan. Die Schutzzone der Kurden in Irakisch-Kurdistan. (Dissertation). Freie Universität, Berlin 2004. Aliza, Marcus: Blood and Belief: The PKK and the Kurdish Fight for Independence. New York 2007. Neue Zürcher Zeitung: Zusammenstöße im Iran, (12.10.09). Savelsberg, E. & Hajo, S.: Die Unruhen am 12.März in Syrisch-Kurdistan, (12.10.09). Kurdica-Archiv: Êdî Bes e! & Angriff auf Kurden in Qamişlo.

 


Serhildan

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