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Literatur/Sprache: Sprachen in Kurdistan
Geschrieben am Freitag, 19. Dezember 2008 von Baran Ruciyar

Linguistik

Im kurdischen Gebiet werden weit über 20 Sprachen und mehr als zwei Dutzend Dialekte gesprochen. Auch nicht gerade gering dürfte die Liste der ausgestorben Sprachen im „wilden Kurdistan“, das Siedlungsgebiet der Kurden, ausfallen und Weitere sind akut vom Aussterben bedroht.



„Wir kämpfen für den Schutz und Erhalt unserer Sprache“ - erwiderte mir ein älterer Kurde auf die Frage „Wofür der Kampf der Kurden sei“. Gewiss, die ältere Generation der Kurden betrachtet die Sprache nicht nur durch kommunikative Aspekte, sondern sie konstituiert in gewisser Hinsicht ihre ethno-soziologische Identität. Nach der obsoleten Devise „jede Sprache ist eine Nation“, wird der Sprache als kommunikatives Medium, ein über seine soziale Funktion hinausgehender Stellenwert zugemessen.

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Daraus resultiert sich das Ärgernis der kurdischen Gelehrten zur MacKenzieschen These, wonach Kirmanckî (Zazakî), Lekî, Lûrî und Hewramî nicht-kurdische Sprache seien (vgl. Nebez, Izady, Hassanpour bei Hennerbichler s. 195 ff.). Hinzukommt, dass die Sprecher dieser Sprachen (ausgenommen die des Lûrî) sich selbst für Kurden und ihre Sprache für Kurdisch halten. In diesem Kontext schlägt L. Paul ein Kompromiss vor, das das Linguistische vom Soziologischen differenzieren soll: demnach könnte man in soziologischer Hinsicht Sprecher als Kurden ansehen, in der Sprachwissenschaft hingegen die Sprachen weiterhin als eigenständige Sprachen behandeln (siehe für weiteres „Kurdische Sprachen“). Die Komposition des Kurdischen ist bis heute nicht endgültig gegliedert worden.

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Über die sprachwissenschaftliche Klassifikation der kurdischen Sprachen herrschen in der Iranistik weiterhin kontroversen Diskussionen. Fakt ist jedoch, dass das Kurdische, im weiten Sinne, ein Zweig der nordwestiranischen Sprachen, der indoeuropäischen (oder indogermanischen) Sprachfamilie bildet und somit eng mit Balutschi, Persisch, Gilaki, Mazandari u.a. verwandt ist. Eine grobe Übersicht zur Verbreitung der einzelnen kurdischen Sprachen bekommt man bei Havrest. Ohne Zweifel kann die Kurmancî Varietät eine große Verbreitung in Kurdistan für sich verzeichnen. Gefolgt von Soranî dann Kirmanckî und Kelhûrî. Die ca. 1.5 Mio Lekîsprecher und 300 000 bis 500 000 Hewramîphone und die Gruppe der Gûran leben in Südkurdistan. Offizielle Status genießt lediglich Soranî im Irakisch-Kurdistan, wo es mit Kurmancî in einem diglossischen Verhältnis steht.

Nichtkurdische Sprachen in Kurdistan sind vor allem semitische und türkische Sprachen, wie Turkmenisch, Aserbaidschanisch, Shahseven, Aramäisch, Assyrisch, Chaldäisch, Judeo-Aramäisch, Türkeitürkisch und mesopotamische Dialekte des Arabischen in Zentralkurdistan. Auch kommen mancherort iranische Sprache, wie Persisch, Luri, Khunsari, Talyschi und Bextîyari, vor.

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Die signifikanteste türkische Mundart in Kurdistan ist Turkmenisch, die in Zentralkurdistan gesprochen wird. Auch einzelne Enklaven der aserbaidschanisch sprechenden Bevölkerung kommen in Zentral- und Ostkurdistan vor. In den nordkurdische Provinzen wie Meraş, Sêvas, Erzirum, Erzingan, Xarpet, Qers, Erdahan, Agri, Igdir und Bitlis sind große türkische Minoritäten beheimatet, die je nach der geographischen Lage Türkisch oder Aserbaidschanisch sprechen.

Das arabische Sprachgebiet in Kurdistan befindet sich im Westen an den ethnischen Grenzgebiete der Kurden. Im Nordwesten kommen einzelne arabische Sprachkolonien in Meraş, Dilok, Swerege, Riha und Afrin vor. Weitere Enklaven sind z. B. in Mûş, Bitlîs, Mêrdîn, Sêrt, Behdînan und Qesrî Şirîn zu treffen. Des weiteren werden eine große Anzahl von aramäischen Dialekten in Zentralkurdistan gesprochen. In Makû und Dêrsim sind kleine Gemeinden von Armeniern zu Hause.

Eine große Anzahl von Sprechern des Persischen und der lurischen Sprachen kommen in Kirmaşan, Îlam, Lekistan und Ûrmîye vor. Zerstreut leben auch Sprecher der Roma-Sprachen, des Tscherkessischen, Tschetschenischen und des Ossetischen in Kurdistan.

Siehe


 

Quellen

 



 

  1. L.Paul: Zazaki - Dialekt, Sprache, Nation? In: Religion und Wahrheit, Religionsgeschichtliche Studien. Festschrift für Gernot Wießner zum 65. Geburtstag, ed. Bärbel Köhler, Wiesbaden 1998, p. 385-399.
  2. David Neil MacKenzie: Kurdish dialect studies, Oxford Univ., Press, London 1961-1962.
  3. Hans-Jürgen Sasse: Linguistische Analyse des arabischen Dialekts des Mhallamiye in der Provinz Mardin(südosttürkei), München 1971.
  4. Efrem Yildiz: The Aramaic Language and Its Classification, In: Journal of Assyrian Academic Studies 14, 2000.
  5. Y. Matras: Grammatical borrowing in Domari, In: Yaron Matras, Jeanette Sakel (Hrsg): Grammatical Borrowing in Cross-Linguistic Perspective, Walter de Gruyter, 2007.
  6. G. Khan: The Jewish Neo-Aramaic Dialect of Sulemaniyya and Ḥalabja, Brill 2004.
  7. Joost Hazenbos: Hurritisch und Urartäisch, in: Sprachen des Alten Orients. Hrsg. Michael P. Streck. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2005.
  8. Latif Havrest: Sprachpolitik, Sprachrech und Sprachplanung im geteilten Kurdenland, Wien 1998.
  9. Izady, M. R.: The Kurds, Washington 1992.
  10. Ferdinand Hennerbichler: Die Kurden. Ed. fhe, Albert & Hennerbichler, Mosonmagyaróvár 2004.
  11. Kurdische Sprache in der Britannica, abgerufen am 15.12.08.
  12. Thomas Schmidinger: Kurdische Sprache(n), abgerufen am 15.12.08.
  13. Ethnologue: Sprachen in der Türkei, im Irak, Iran, in Syrien., abgerufen am 13.12.08

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