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Gesellschaft: Welche Identität ist die nächste?
Geschrieben am Mittwoch, 24. Dezember 2008 von Baran Ruciyar

Gesellschaft

Kurden zwischen ethnischer, religiöser und regionaler Identität, welche Identität ist die nächste?

Es wird klar geworden sein, dass meiner Ansicht nach die Frage, ob die Kurden eine Nation darstellen und wer zu dieser Nation gehört, nicht objektiv beantwortet werden können. Jede mögliche Antwort auf diese Fragen stellt ein Politisches Programm dar. Es gibt keine Unvermeidlichbahre und unabänderliche Entwicklung zum Nationentum; ökonomisch Vereinheitlichungen und verbesserte Kommunikation führen nicht zwangsläufig zum verschwinden von ethnische Unterschieden, sondern können genau so gut die Entgegengesetzte Wirkung haben.[40] Diese Beobachtung trifft auf Staaten zu, die versuchen, ihre Bürger zu einer einzigen Nation zusammenzuschließen, und so für nichtstaatliche nationalistische Bewegungen.

Noch nie dagewesene geographische und soziale Mobilität haben die Identität einer Person zu einer Angelegenheit gemacht, über die sie bis zu einem gewissen Grad frei entscheiden kann. Unter außergewöhnlichen Bedienungen ist es möglich, die eigene ethnische Identität völlig zu wechseln, wie es jene Armenier im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert taten, die zum Islam konvertierten und zu Kurden wurden, Häufiger kann eine Person von verschiedenen sich überlagernden Identitäten erst die eine, dann die andere betonen.

Welche Identität von den vorhandenen Alternativen eine Person sich entscheidet zu betonen, wird viel den politischen und wirtschaftlichen Bedienungen abhängen, In diesem Jahrhundert
hat sich eine große Ahnzahl von Kurden unter politischem oder wirtschaftlichem Druck an die dominante ethnische Gruppe ihrer Länder angepasst. Aber es hat sich gezeigt, dass auch dieser Prozess nicht unumkehrbar ist. Viele ihrer Kinder oder Enkelkinder haben ihre kurdische Herkunft ,,wiederentdeckt’’. Momentan gibt es einigen wirtschaftlichen Druck auf irakische Kurden, sich formell als Turkmenen zu deklarieren, um zum Empfang von Hilfsleistungen der Türkei berechtigt zu sein [41]

Das vielleicht faszinierendste Beispiel von sich überlagernden und wechselnden Identität bietet Dersim, auf dessen Bewohner, meist zazasprachige Aleviten, verschiedene ,,Nationalismen’’ gleichzeitig ihre Anziehungskraft ausüben. Als Staatsbürger der Türkei werden die Dersimi als Türken gesehen, von denen erwartet wird, dass sie der kemalistischen nationalistischen Ideologie treu bleiben; nach der offiziellen Doktrin sind sie wahre Türken mit Zentralasiatischen Ursprüngen.[42] Für kurdische Nationalisten ist der Dersim ein Teil Kurdistans, und der Aufstand von Dersim war der letzte der großen kurdischen Aufstände. Viele Dersimi sehen sich in erster Linie als Aleviten obwohl die Forderung nach einem unabhängigen oder Autonomen Alevistan vermutlich wenige aktive Unterstützer finden wurde. Das neu erdachte Heimatland Zazaistan wird ebenfalls kaum eine starke Anziehungskraft ausüben, abgesehen von einigen romantischen Intellektuellen im Exil, aber das kulturelle Wiederaufleben der Zaza und eine gewisser Ärger über die kulturelle Arroganz der Kurmancî scheinen eine wachsendes Beharren auf einer Zaza-Identität zu verursachen. Schließlich gibt es einen starken Dersimi-Partikularismus, der auf einem Bewusstsein von der speziellen Geschichte und kulturellen Identität Dersims basiert. Er drückt sich in dem Widerwillen aus zu irgendeiner größeren Einheit zu gehören und seit den achtziger Jahren in einem wachsenden Misstrauen auch gegenüber den verschiedenen politischen Bewegungen, in denen Dersimi in der Vergangenheit so Führende Rollen gespielt haben.

Jedes Individuum aus Dersim fühlt die Anziehung dieser verschiedenen Nationalismen, es gibt keinen unter ihnen, der ,,natürlich’’ ist und deswegen langfristig mehr Aussichten auf Erfolg hat als die anderen. Auch ist die Liste möglicher Identität noch nicht erschöpft; Es hat kürzlich Versuche gegeben, die Aleviten in der mainstream des türkischen Islam zu ziehen, und die Islamische Wohlfahrtspartei (Refah Partisi) hat sich mit dem Versprechen nach gleichberechtigter Anerkennung um die alevitischen Wähler bemüht. In den Kommunalwahlen von 1994 trat sie sogar mit einem lokalen Aleviten als Kandidaten in Tünceli an; der Kandidat trat allerdings vor Wahlen zurück.

Die kurdische politische Organisationen, die die größte Sensibilität für ethnische Unterteilungen unter den Kurden gezeigt hat und wenn auch nur, um potentiellen separatistischen Tendenzen zuvorkommen, ist die PKK. Zu einer Zeit, als die anderen kurdischen Organisationen allmählich in ihren Veröffentlichungen von Türkisch zu Kurdisch übergingen, fuhr die PKK fort, sich fast ausschließlich auf Türkisch zu äußern. Dies war wahrscheinlich eine bewusste politische Linie, um die Distanz zwischen Kurmancî-Sprechern, Zaza-Sprechern und assimilierten Kurden zu minimieren. Bis Ende der achtziger Jahre hatte die Partei erkannt, dass der Islam die ländliche kurdische Gesellschaft noch immer beherrscht, und übernahm eine respektvolle Haltung dem sunnitischen Islam gegenüber. Die Partei wandte sich auch an auch an Zaza-Sprecher und Aleviten, indem sie  ihre speziellen Kulturen anerkannte und förderte, aber teilte ihnen in deutlicher Sprache mit, dass auch sie Kurden seien und dass erwartet werde, dass sie sich entsprechen verhielten.[43]

Wie bereits gesagt, gelang es der PKK jahrelang nicht, in Dersim Fuß zu fassen. Sie hatte eine ansehnliche Zahl von Dersimi in ihre Reihen, aber die Mehrheit der Bevölkerung blieb dem kurdischen Nationalismus gegenüber anscheinend eher zurückhaltend. Der Flirt der PKK mit dem sunnitischen Islam könnte viele Dersimi dieser Partei gegenüber doppelt misstrauisch gemacht haben. Das allgemeine wiederaufleben des Alevismus hat auch Dersim beeinflusst, obwohl viele Dersimi wegen der Annährungsversuche der Regierung an die alevitische Gemeinschaft argwöhnisch blieben. Es scheint, dass die PKK beschloss, Dersim zu zwingen, sich zu entscheiden, ob es kurdisch sein würde oder nicht, indem sie es weiter vom Staat entfremdete, in der Art, in der sie vorher weitere Regionen weiter östlich diese Entscheidung aufgedrängt hatte. Im späten Sommer und Herbst 1994 verstärkte die Partei ihre Guerillaaktivitäten in Dersim dramatisch und provozierte damit bewusst eine neue Welle türkischer Militärrepressionen, die sich als von beispielloser Härte erwies. Die Bevölkerung ganzer Distrikte floh in Panik, die Armee setzte die Wälder in Brand und zerstörte Dutzende Dörfer. Sowohl die PKK als auch die türkische Regierung scheinen vor der realistischen Annahmen auszugehen, dass ethnische Identität angenommen oder abgelegt werden als Reaktion auf starken Druck. Es scheint allerdings unwahrscheinlich, dass selbst dieses ausmaß an Druck zu einer weniger ambivalenten Identität der Dersimi  führen wird.

 


[40] Connor ist eine vernichtende Kritik an der Idee der Nationenbildung, die Lage unter amerikanischen Politikwissenschaftlern, die über die dritte Welt schreiben, anerkannt war.

[41] Eine türkisch-finanzierte Organisation, die IMTP, die in Anspruch nimmt ,, zweieinhalb Millionen irakische Türken’’ zu repräsentieren, bemüht sich kulturelle Randgruppen wie die Kaka’i und andere heterodoxe Sekten von ihrer türkischen Identität zu überzeugen und bietet denen freigiebige Unterstützung, die ein formelles Bekenntnis zum Türkisch-Sein abgeben. Ich verdanke diese Informationen Michiel Leezenberg.

[42] Diese These wird zahlreichen Büchern vertreten, am ,,zuverlässigsten’’ in Yavuz 1968 das die Standartquelle für spätere türkische Autoren geworden ist.

[43] Eine PKK-Zeitschrift für Aleviten, Zülfükar (nach Alis legendären Schwert benannt), hat als Motto: ,, Wer seine Ursprünge verleugnet ist ein Bastard. (Aslını inkar eden Haramzadedir).

 

 

Quelle: M. M. van Bruinessen, Kurden zwischen ethnischer, religiöser und regionaler Identität IN: Carsten Borck, Eva Savelsberg, Siamend Hajo (Hrsg.): Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan, Kurdologie, Band 1, LIT Verlag, 1997


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