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Politik: Zazaisten
Geschrieben am Montag, 20. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Politik in Kurdistan Baran Ruciyar/Rinret schreibt:

Zazaisten, d.h. Zaza-Nationalisten, eine kleine Gruppe, die eine auf das Zazaki als Sprache rekurrierende Identität und die Schaffung einer Aleviten und Sunniten vereinigenden Zaza-Nation, anstrebt (vgl. P. Ludwig: 98;390).

Die Zaza, Kirmanc, Dimilî und Kird-Kurden (diese vier Begriffen werden in diesem Text Synonym verwendet), die in der Literatur zuweilen Zaza genannt werden, bilden aus ethno-kultureller Sicht ein Teil des kurdischen Volkes. P. Ludwig versteht unter „kulturell“ in einem weitgefassten Sinn, die Religion, Literatur, Brauchtum und „Sachkultur“ (Essen, Kleidung etc.) einbeschließt (L. Paul, 98;390). Sozial-ethnische Unterschiede zwischen den Kurmanc und den Zaza sind Mangelware; die meisten Zaza sind sowie die Kurmanc auch in Stämmen organisiert, und früher schlossen sie sich mit den Kurmanc in Stammeskonföderationen an. Zahlreiche Stammesverbände in Dêrsim oder Çewlik/ hatten sowohl Kurmanc als auch Zaza Angehörige, obwohl sie mehrheitlich zazasprachig waren, als Beispiel könnte man die Motikan, Qûrêyşan, Qoçgirî, Şadiyan, Çarekan etc. nennen. Ein weiterer Gemeinsamkeit zwischen den Zaza und den Kurmanc ist ihr oralliteratisches Erbe: „Wenn wir z. B. die Literatur ansehen, stellen wir fest, dass die Märchen der Region im wesentlichen auf die gleichen historischen Überlieferungen zurückgeführt werden“ (P. Ludwig, 94;47).

Das Ethnonym „Zaza“ ist keineswegs einheimisch und wird zum größten Teil von den Sprecher selbst abgelehnt. Sie selbst nennen sich z. T. Kirmanc was mit der Selbstbezeichnung der Kurmanc-Kurden in Zusammenhang steht. Die sunnitische Zaza dagegen nennen sich Kird, das ebenfalls mit Kurd(e) verknöpft ist. Allein die Türken verwenden diesen Begriff, anscheinend seit dem 17. Jh.. In dem Seyehatname des Çelebî wird ein kurdischer Dialekt namens „Zaza“ erwähnt (vgl. Kirmanckî); einige Autoren sind der Ansicht, dass das Volk deswegen „Zaza“ genannt wurde, weil in ihre Sprache auffallend oft das Laut „z“ vorkommt. Rich hielt es für einen Spitznamen; es könnte die Bedeutung „Stotterer“, im Sinne von „mit vollem Mund sprechen“ haben (vgl. Gündüzkanat; 60). P. Ludwig dagegen ist der Ansicht, dass es mit englischen „bla bla“ zu vergleichen sein könnte. Grade die Zazaisten bestehen auf die Anwendung dieses Ethonym, unter dem sie die Kird, Kirmanc und Dimilî-Kurden – anscheinend in einem ethnozentrischen Prozess ethnisieren wollen.

Die Diskussion über die Zaza kam erst in den letzten 30 Jahren auf, als man begann, dem Volk über die Stammesgrenzen hinweg eine kurdische Identität näher zu bringen. Durch diese neue Identitätsfindung der Kurden wurde damit auch die Identität der Zaza neu betrachtet, die die Zaza genau in eine Kluft drängten – so sehen Türken die Zaza als Türken (aus dem Blickwinkel der Assimilation) und Kurden sehen sie als Kurden. (aus dem Blickwinkel der gleichen Kultur und des gleichen Schicksals durch die Unterdrückung der Kultur).

Die erste Erwähnung der These, die Zaza als eigenständiges Volk zu betrachten geschah in der Diaspora durch den sunnitsch zazasprechenden Abubekir Pamukçu in den 80igern in Schweden. Auch er maß der Sprache die entscheidende Rolle zu und proklamierte sie als eigenständig: Zunächst gab er einige Zeitschriften, wie Pîya oder Ayre heraus, in denen er anhand des westlichen Wissenstand in Bezug auf das Zazaki/Kirmancki, die sprachliche Eigenständigkeit der Zaza-Kurden unter Beweis stellen wolle. Dies widersprach der Aussagen der kurdischen Nationalisten, die von einem Dialekt ausgehen, aber zugleich nahm man ihre Ideen – ein Volk eine Sprache auf und machte die Zaza zu einem eigenständigen Volk.

Wurde zu Beginn diese Bewegung lediglich von einigen Intellektuellen aufgenommen, fand sie mit der Zeit, auch durch die Arroganz mancher Kurmanc-Kurden, auch ihre Anhänger unter dem Volk. Bis vor kurzem war eine kulturelle Arroganz zugleich auch Ignorenz, deren Ursprung den 80igern zu Grunde liegt, der unter den Kurmancîsprachigen gegenüber die Kirmanc aus Dêrsim zu spüren ist. Mitte der 80iger Jahre wollten die kurdischen Intellektuellen Kurmancî und ebenso Soranî gegenüber dem Kirmanckî als Literatursprache einführen. Dieser kurze Gedanke verursachte eine Lawine, die bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist und es kam natürlicherweise zu Protesten der kirmanckîsprachigen Bevölkerung. Aus diesem Grund distanzierten sich viele Autoren, die bis heute für kurdische Zeitschriften wie "Hêvî" tätig waren, von der damals neue entstandenen Diasporagemeinde der Kurden in Westeuropa und gründeten eine neue Bewegung, die eine spezifische Zaza-Nationalität hervorhebt. Durch die so von ihnen gesehene Ausgrenzung der kirmanckîsprechende Bevölkerung wurde ihre Identität in Richtung Nationalität verschoben. Deshalb entstand unter ihnen auch eine neue Benennung Dêrsims, dass nun als Zazaistan, andere bevorzugten Zazakistan oder Zazana, die Dersimer bestanden auf Kirmanciye, bezeichnet, wurde. Das neu erdachte Heimatland Zazaistan, gedacht von Siverek über Dersim nach Adyaman bis Varto, wird wohl kaum eine starke Anziehungskraft ausüben, abgesehen von einigen Intellektuellen im Exil. Aber das kulturelle Wiederaufleben der Zaza und ein gewisser Ärger über die kulturelle Arroganz der Kurmancî scheinen eine wachsendes Beharren auf einer Zaza-Identität zu verursachen, dies bestätigt auch Bruinessen. Die beginnende Spaltung zwischen Kurmanc und Zazas sah andererseits der türkische Staat mit Freuden und ließ den türkischen Geheimdienst kräftig mitmischen.

Besonders fallen die Zazaisten durch ihre rege Publikation in Westeuropa auf; in Kurdistan und der Türkei wurden bisher einige Versuche dargelegt, Zeitschriften und Zeitungen zu publizieren, jedoch scheiterten sie alle, da die Bevölkerung diesen wenig Interesse entgegen brachte. In den in der europäischen Diaspora publizierten Zeitschriften und Bücher geht es hauptsächlich darum, die sprachliche Eigenständigkeit der Zaza und beweisen.

Das einzige jedoch aber, was die sunnitischen Kurmanc-Kurden, die von den westlichen Forscher zur Kurden tituliert wurden, und die Zaza-Kurden voneinander trennt, ist die Sprache. Doch Sprache ist für einen Zaza ein untergeordnetes Merkmal seiner Identität. Für einen sunnitischen Zaza-Kurde, der stets mit dem Bewusstsein aufgewachsen ist, ein Kurden zu sein, ist es unvorstellbar, sich mit einer diversen Identität zu identifizieren. P. Ludwig 1994 & 1998 diskutiert es grundlegend und kommt zu der Entschluss, dass es keinen Grund gebe die Zaza-Kurden von den anderen Kurden getrennt zu halten.

Hier ist ein wichtiger Faktor festzuhalten – die unterschiedlichen thematisierten Thesen der Diaspora und der Heimat:

 

Diaspora. In der Diaspora wird die Sprache der Zaza plötzlich zum wichtigsten Faktor der Betonung der Unterschiedlichkeit. Wie oben erwähnt, spielte für die zazasprächigen Kurden die Sprache eher eine untergeordnete Rolle, während sie in der Diaspora die Hauptrolle übernommen hat. Linguistisch ist Zazaki sehr gut erforscht und wird innerhalb der Linguistik als eigenständige Sprache angesehen, wobei es aber hierzu ebenso eine Gegenthese gibt, die Zazaki als einen Dialekt der kurdischen Sprache sieht.

Die Unterschiede zwischen Kurmanc und Zaza werden von den Zazaisten nur über die Sprache definiert und Lebensformen und Religion spielen die untergeordnete Rolle. Gründe hierfür könnten u.a. die Politik der kurdischen PKK sein, die es als erste schaffte, die Kurden über Stammes- und Religionsgrenzen hinweg zu vereinen, die den bisherigen Haupthinterungsgrund für ein vereintes Kurdentum stellten. Aber sie legten auch Wert auf die Sprache und wollten diese Grenzen ebenso brechen, was die bekanntliche Dialektdiskussion entfachen ließ (s.o.).

 

Heimat. In der Türkei bzw. Nordkurdistan spielt die Sprache weiterhin die untergeordnete Rolle. Was hier an erster Stelle der Abgrenzung steht, ist die Religion. Die oft feindliche Einstellung der sunnitischen Kurmanc gegenüber den alevitischen Zaza lassen hier eine große Kluft entstehen, durch die man sich strikt abgrenzt. So entstehen Meinungen von zazasprachigen Kurden, die sich zwar als Kurden definieren, jedoch eine autonome Abgrenzung in einem eventuellem Kurdistan fordern, deren Gründe im Unverständnis zur ihrer Religion liegen. Diese Einstellung wird auf beiden Seiten durch den türkischen Staat noch verschärft. Zum einem sprechen die kemalistischen Parteien die Aleviten an, zum anderen nimmt derzeit der sunnitsche Einfluss, schon allein durch den hohen Wahlsieg 2007 durch die AKP, im Land immer mehr zu, was von den Aleviten mit größter Besorgnis beobachtet wird. Das ehemaligen Gefühl der Einheit unter den Kurden gegen die türkischen Besatzer, wird hier gespalten, da die Religion in den Fordergrund rückt. Allerdings kennt man den Begriff oder gar eine Bewegung „Zazaismus“ nicht.

Für beide Gegebenheiten, ob Diaspora oder Heimat, ist die Mehrheit der Kurmanc entscheidend. Da die zazasprachigen Kurden in der Minderheit sind, sehen sie sich durch ihre sunnitischen Brüder bedrängt und sehen sich einer Assimilierung hin zu den sunnitischen Kurmanc entgegenströmen. Hinzu kommt eine gewisse Arroganz der „Mehrheit“, den sich die „Minderheit“ gefälligst anpassen sollte. Nicht selten werden so Zaza als zweitklasse Kurden bezeichnet, was jedoch völlig ungerechtfertig ist, wenn man Lebensweisen, Historie oder vor allem den Freiheitskampf betrachtet. Andererseits ist unter den politisch organisierten Kurden auch das Merkmal der türkischen Assimilationspolitik zu spüren. Gilt in der türkisch kemalistischen Ideologie der Slogan: ein Land – ein Volk – eine Sprache, so ist diese Idee auch unter den Kurden spürbar. Wie die Türken eine Spaltung ihres Landes befürchten, wenn zugegeben wird, dass innerhalb des Staates mehrere Völker und Sprachen existieren, so befürchten die Kurden, nie ein Kurdistan zu erreichen, wenn sie kein einheitliches Volk, mit einer Sprache und einer Kultur, darstellen.

Ein weiterer Punkt der hier hinzukommt ist, dass die Definition des „Kurdischseins“ eher aus den Lehrbüchern der westlichen Wissenschaftlern entsprungen ist (die Rolle der europäischen Wissenschaftler wird von Çem ausgiebig diskutiert), den die vor allem in der Diaspora lebenden Kurden übernahmen. Genau mit dieser neuen kurdischen Identität können sich viele Zaza nicht identifizieren, sie sehen sich als Kurden nach den alten Traditionen, können aber mit dem neuen Kurdentum nichts anfangen.

 

Gegenwärtige Ideologie. Die gegenwärtige Ideologie der Zazaisten kann man als eine Mischung zwischen Kommunismus und Nationalismus zugleich beschreiben. Zazaisten geben sich meistens als politisch neutral aus, um möglichst alle Gruppen der Bevölkerung zu erfassen und für sich gewinnen zu können. Sie verlangen von der Türkei fundemantale Rechte, die jedem Volk zusteht, wie die barrierelose Ausübung der Muttersprache und Kultur sowie Erziehung in der eigenen Muttersprache. Zülfü Selcan wird wie ein Führer der Zazaisten betrachtet und wird unter den Zazaisten sehr geschätzt. Auf einer Seite Zazaistan.org, die heute geschlossen ist, wurde neben der angeblichen Zazaistan-Flagge das Bild von Zülfü Selcan aufgehängt, was auf einer gewissen Weise den Personankult um Zülfü widerspiegelt. Auch bei Projekten wie Zaza TV übernimmt Zülfü Selcan den Führerposten.

Wie bei allen anderen nationalistischen Ideologien existiert auch unter Zazaisten eine Gruppe, die Minderheiten assimilieren will. Den Zazaisten sind besonders die alevitischen Kurmanc ein Dorn im Auge, weil sie sogar im Gebiet Dersim, was zu wenigen mehrheitlich besiedelten Zaza-Regionen gehört, einen beträchtlichen Anteil der Bevölkerung ausmachen. So haben einige angefangen, die alevitischen Kurmanc als assimilierte Zazas darzustellen und versuchen dies wissenschaftlich zu untermauern und nehmen dabei die Stammeszugehörigkeit als Argument, wie es die türkischen Chauvinisten praktizieren, um alle Aleviten als türkmensich-stämmig zu deklarieren.

Um auch ein Zazaistan gründen zu können, braucht man eine homogene Bevölkerung, Gebiete, wo Zazas die Mehrheit ausmachen. Deswegen ist auch im Zazaismus ein Assimilierungswillen der Minderheiten im sogennanten Zazaland oder Zazaistan verankert.

 

Religiöse Konflikte. Die Zaza-Bevölkerung, die etwa auf 3 Mio. geschätzt wird, teilt sich zur Hälfte in Sunniten und zur Hälfte in Aleviten auf. Die alevitischen Zaza sind traditionell in den nördlichen Gebieten wie Dêrsim, Erzîngan, Erzirum etc. Nordkurdistan beheimatet, wohingegen die Sunniten in den Provinzen wie Bingöl, Urfa, Diyarbakir etc. leben. Schon im Osmanischen Reich distanzierten sich beide Gruppe wegen konfessionellen Unterschiede voneinander. Alle Dêrsim-Zaza empfinden die sunnitischen Zaza als Fremdlinge, obwohl beide Gruppen die selbe Sprache sprechen. Die Dersim-Zaza lehnen darüber hinaus das Wort Zaza ab, sie verwenden es ausschließlich für sunnitische Zaza (siehe oben).

Dêrsim an sich ist die Heimat ethnischer Vielfalt, obgleich das Gebiet mehrheitlich von den kurdischen (Zaza und Kurmanc) Aleviten bewohnt wird, findet man auch Minderheiten türkmenischer Aleviten, Türken, sowie sunnitische Kurden. Die Dêrsimer, womit man ausschließlich kurdischsprachige (Kirmanckî und Kirdaskî – so wird das Kurmancî in Dêrsim bezeichnet) Aleviten bezeichnet, verstehen sich als Kirmanc. Auch wenn sprachliche Differenzen zwischen Kirdaskî- und Kirmanckîsprachigen Aleviten in Dêrsim vorhanden sind, betrachten sie sich Firat zufolge als ein Volk. Schließlich gibt es einen starken Dêrsimî-Partikularismus, der auf einem Bewusstsein der speziellen Geschichte und kulturellen Identität Dêrsims basiert. Er drückt sich in dem Widerwillen aus, zu irgendeiner größeren Einheit zu gehören und seit den achtziger Jahren in einem wachsenden Misstrauen auch gegenüber den verschiedenen politischen Bewegungen, in denen Dêrsimî in der Vergangenheit so führende Rollen gespielt haben. Da die Kurden in Dêrsim immer dasselbe gefühlt und erlebt haben, 1938 in Dêrsim zusammen gekämpft hatten, haben sie sich durch ihr Schicksal als ein Volk gefühlt. Dies ließ die sprachliche Verschiedenheit in den Hintergrund rücken. Mann/Hadank zufolge gab es bis 1938, als die Türken Dêrsim unter ihren Gewahrsam brachten, keinerlei Kommunikationsprobleme in Dêrsim, da das Kirdaskî/Kurmancî als Handelsprache diente und die meisten Dêrsimer dieser Sprache mächtig waren.

,,Welche Identität von den vorhandenen Alternativen eine Person sich entscheidet zu betonen, wird viel den politischen und wirtschaftlichen Bedienungen abhängen. In diesem Jahrhundert hat sich eine große Ahnzahl von Kurden unter politischem oder wirtschaftlichem Druck an die dominante ethnische Gruppe ihrer Länder angepasst. Das vielleicht faszinierendste Beispiel von sich überlagernden und wechselnden Identität bietet Dêrsim, auf dessen Bewohner, meist Kirmanckîsprachige Aleviten, verschiedene ,,Nationalismen’’ gleichzeitig ihre Anziehungskraft ausüben" – meint Bruinessen. Als Dêrsim unter die türkische Besatzung gekommen ist, waren die Dêrsimer am meisten von der türkischen Assimilationspolitik bedroht und wurden bedingt durch diese Politik unter großen Druck gesetzt. Viele von ihnen haben dadurch ihre wahre Identität verloren. Ein weiterer Einfluss kam durch die linken Parteien. Spätestens nach den 60igern wurde die Dêrsimer Identität mit der kommunistisch-marxistischen Ideologie überdeckt. Die führte zu einer Vermischung von Ideologie und Identität. Viele unter ihnen sahen von da ab diese Ideologie als ihre eigene Identität an. Auf die Frage, welchem Volk sie angehören, antworteten Mitte der 70ieger die meisten Jugendlichen aus Dêrsim mit "Ich bin Kommunist" oder "Ich bin Linker" (siehe; Zilfi Selcan: Die Entwicklung der Zazasprache. oder Bruinessen: Die Identität der kurdischen Aleviten). Durch die Präsenz der kurdischen Parteien, wie PKK, PSK, Kawa u.a. änderte sich diese Situation. Heute betrachten sich die meisten dieser Dêrsimkurden, wie sie in der Literatur bezeichnet werden, als Kurden. Jedoch gibt es unter ihnen welche, die davon überhaupt nicht begeistert sind. Sie betrachten einen Dêrsimer, der sich selbst als Kurde bezeichnet, als Verräter.

Ebenso akzeptieren sie die Bezeichnung Zaza nicht und sehen sich und die Dersimer-Kurmanc als ein Kirmanc-Volk, was genauso wenig kurdisch wäre. Zu einem der berühmten Dêrsimisten gehört Seyfi Cengiz, der ehemals selbst in den Reihen der Zazaisten aktiv war. Diese Gruppe strebt eine totale Verkapselung von den anderen Zaza an, sowohl sprachlich, als auch kulturell, damit das sogenannte Dêrsim-Volk auch wirklich als ein Volk anerkannt werden kann. Sie stellen sich gegen eine Zusammenarbeit mit anderen Zaza bezüglich Zazaki, nennen das Zazaki von Dêrsim Kirmanckî oder "Dêrsimisch" und sehen es als eine eigene Sprache an.

Auch bei den Sunniten gibt es fanatisierte Menschen. Manche von ihnen verlangen einen islamischen Zaza-Staat, wo die Scharia als Recht vorherrscht und sind zu den türkischen und Kurmanc-Sunniten toleranter eingestellt als zu den Zaza-Aleviten. Für sie sind die Zaza-Aleviten bloß "Alevi" und keine echter Zaza.

 

Die Rolle des Internet. Das Internet nutzen die Zazaisten für die Verbreitung ihrer Ideologie sehr gut aus. Auf öffentlichen Seiten, die von Tausenden Menschen besucht werden, versuchen sie zwanghaft, dass die Eigenständigkeit von Zazaki akzeptiert wird, damit eine Basis für die Spaltung der Zaza von den Kurden geschaffen wird. Die Zazaisten im Internet versuchen die Zaza, die sich zu Kurden bekennen, mit linguistischen Erkenntnissen zu verunsichern. Das Internet ist zu einer Versammlungsstele der Zazaisten geworden, z.B. wird in der Zazaki-Wikipedia über Standard-Zazaki gemeinsam mit den Verantwortlichen des Zazaki-Institus diskutiert. In Foren versammeln sich Zaza-Autoren und Jünger, die über Themen zur Sache der Zaza diskutieren.

Auch wenn Zazaisten im realen Leben unorganisiert sind, gehören sie im Internet zu den best organisierten Gruppen. Lediglich einen „Kulturverein“ in Mannheim wird durch ihnen geleitet. Manche von ihnen haben sich sogar eine neuartige Methode angeeignet; sie handeln wie Agenten. Auf fanatischen PKK-Seiten, wo Zazaisten keine Chance zum Schreiben hätten, geben sie sich manchmal als Zaza-Kurde, manchmal als Kurmanc-Kurde aus, um ihre Sicht unterschwellig zu verbreiten und Provokationen auszulösen. Die Rolle als Kurmanc-Kurden nutzen sie natürlich zu ihren Gunsten aus und benachteiligen Zaza-Kurden, damit sie sich vom Kurdentum und der PKK entfernen.

 

 


Quellen: Gündüzkanat, Kahraman: Die Rolle des Bildungswesens beim Demokratisierungsprozeß in der Türkei unter besonderer Berücksichtigung der Dimili (Kirmanc-, Zaza-) Ethnizität, Münster 1997. Ludwig, Paul: Zazaki - Dialekt, Sprache, Nation?, In: Religion und Wahrheit. Religionsgeschichtliche Studien. Festschrift für Gernot Wießner zum 65. Geburtstag, ed. Bärbel Köhler, Wiesbaden 1998. ders: "Zaza", In: Encyclopaedia of Islam, ed. C. E. Bosworth et al., New edition, vol. 12, Leiden 2002, s. 491-492. ders: "Die Zaza - ein neues Volk?", In: Pogrom 163 (Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen), 1992, s. 73. ders: "Die Zaza-Sprache und ihre Stellung", in: Ware 6 (Zeitschrift für Zaza-Sprache und Kultur), Baiersbronn, 1994, p. 46-49. van Bruinessen, Martin: The debate on the ethnic identity of the Kurdish Alevis, In: Krisztina Kehl-Bodrogi, Barbara Kellner-Heinkele and Anke Otter-Beaujean (eds), Syncretistic religious communities in the Near East. Leiden: Brill, 1997, pp. 1-23. ders: Kurden zwischen ethnischer, religiöser und regionaler Identität, in: Borck Carsten (Hrsg.) Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan Lit Verlag Münster, 1997. Firat, Gülsün: Sozioökonomischer Wandel und ethnische Identität in der kurdisch-alevitischen Region Dersim, Saarbrücken 1997. Cengiz, Seyfi: ZAZA MİLİYETÇİLİĞİNİN DOĞUŞU; ZAZA MİLLİYETÇİLİĞİNİN ÖZELLİKLERİ; DERSİM GÜNDEMİ SAPTIRILMAK İSTENİYOR; “ZAZACILAR” KİMLERDEN BİLEŞİYOR? “ZAZACILAR”LA TARTIŞMALAR; NAZMİ SEVGEN VE ZAZACILAR: KAMUOYUNDAN SAKLANAN NEDİR?; TARAFSIZI OYNAMAK ÇARE DEĞİL; DEVLET UZANTILARI KONUYU SAPTIRIYOR; BİR TARTIŞMANIN ARDINDAN; url (alle Dateien hier abrufbar): www.dersim38.de und http://www.dersimsite.org/seyfimenu.html . Munzur Çem: KIRMANCCA (ZAZACA) KONUŞAN KÜRTLER VE 20.YÜZYIL KÜRT DİRENİŞLERİNDE ROLLERİ, URL: http://www.dersim.biz/html/20_yuzyilda_dersimlilerin_tavr.html


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