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Islam: kurdischer Islam
Geschrieben am Samstag, 05. April 2008 von Baran Ruciyar

Religion

Kurdischer Islam ist Bestandteil des Sunnitentums und hat eine gewisse Tradition. Er spielte eine wichtige Rolle in historischen Aufständen und kam in kurdisch geprägten Medresen zum Tragen.



Diese religiösen Schulen hatten noch bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hohen Einfluss, obwohl sie 1924 von Atatürk verboten worden waren. Die Folgen der islamischen Revolution im Iran strahlten auf die gesamte Region aus, allgemeine Reislamisierungstendenzen in der Türkei und im Irak wirken sich inzwischen auch auf kurdische politische Aktivitäten aus. In den östlichen, kurdischen Provinzen betrieb die Türkische Republik besonders in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zum Beispiel durch den überproportional umfangreichen Bau von Moscheen, Gebetshäusern und Koranschulen bewusst die Islamisierung. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der Islam noch nicht wieder als Bedrohung kemalistischer Prinzipien gewertet wurde. Auf diesem Weg erhoffte man sich, die ländliche Bevölkerung von der beginnenden Ethnisierung, insbesondere von der PKK wegzupolen und über die Religion binden zu können. Die Ideologie des Islam hat bis Mitte der achtziger Jahre in kurdischen nationalen Bewegungen jedoch keine Rolle gespielt. Nach Sheikhmus bestanden in keinem Teil Kurdistans bis zum Beginn des Ersten Golfkrieges im Jahr 1980 islamisch orientierte politische Organisationen. Seither gründeten sich einige solcher Organisationen vor allem im Irak, aber auch in der Türkei (Sheikhmous 1999a: 59f.), wo sie teilweise mit alteingesessenen politischen Gruppierungen zusammenarbeiten. In der Schutzzone im Irak trat zu den ersten Wahlen im Jahr 1992 die »Islamische Bewegung Kurdistans« mit an (Schmidt 1994: 161), zahlungskräftige islamische Hilfsorganisationen aus dem meist arabischen Ausland haben ihren Einfluss dort deutlich erhöht. In der Türkei bilden sich teilweise islamische Fraktionen innerhalb kurdischer Organisationen. Bozarslan hält das Entstehen des kurdischen politischen Islam in erster Linie für eine Konsequenz aus den fehlenden Gestaltungsmöglichkeiten der eigenen politischen Sphäre durch die Kurden (Bozarslan 1998: 24). Innerhalb der islamischen Bewegung artikulieren sich Kurden heute in Form von ethnisch-kurdischen Fraktionen (Bozarslan 1992: 110). So gehört in der Türkei eine hohe Zahl sunnitischer Kurden zu den Anhängern der Milli-Göru Bewegung. Die dazu gehörige, inzwischen verbotene, islamistische Refah Partisi (RP), zu Deutsch Wohlfahrtspartei, unter Necmettin Erbakan und ihre Nachfolgepartei, die Fazilet Partisi (FP), zu Deutsch Tugendpartei, haben in den kurdischen Gebieten, insbesondere aber auch unter den neuen kurdischen Binnenmigranten beziehungsweise Flüchtlingen im Westen der Türkei, eine erhebliche Basis (vgl. Wedel 1996:. 444f.; Dufner 1994: 75f.). Die Kurdenfrage spielt in ihrer Programmatik durchaus eine Rolle, wird jedoch relativ vordergründig als reines Problem ökonomischer Benachteiligung behandelt. In Sultanbeyli, einem der von vielen Kurden bewohnten gecekondu-Slumviertel am Stadtrand von Istanbul, erhielt die Refah bei den Parlamentswahlen 1995 über die Hälfte der Stimmen, während der prokurdischen Hadep dort lediglich auf 8,5 Prozent kam (Barkey 1998: 133). Bei den Wahlen 1999 sackte die Refah jedoch insgesamt wieder erheblich ab. Bruinessen ist insgesamt der Auffassung, dass der Islam als politische Kraft in Kurdistan nicht sonderlich signifikant ist, eine eventuell sunnitisch-islamische Orientierung kurdische Ethnizität aber auch nicht notwendigerweise negiert (Bruinessen 1992: 54). Auch von anderen Experten wird der Einfluss des Islam auf die kurdische Politik trotz der beschriebenen Entwicklungen weiterhin als marginal eingeschätzt.

Für die Diaspora lässt sich festhalten, dass die erste, heute ältere Generation der kurdischsunnitischen Arbeitseinwanderer aus der Türkei immer noch stark durch ihre Religion geprägt ist (vgl. Tenol 1992: 133). Generell gilt dies auch für ältere Menschen unter den Flüchtlingen und insgesamt unabhängig von der Herkunftsregion. Sunnitische Zuwanderer in Europa unterliegen allgemein einem Homogenisierungstrend. Besonders für diejenigen aus der Türkei ist es oft erst die andersartige und teilweise als kulturell bedrohlich empfundene Umgebung, die den Anstoß gibt, sich in bestehenden religiösen Organisationen zu engagieren, sich verstärkt entsprechend vorgegebener Symbolik wie zum Beispiel Bekleidungsnormen zu bedienen, um Abgrenzung zu dokumentieren. Das wichtigste politische Utensil ist hierbei das weibliche Kopftuch.

Die islamische Bewegung genießt nach Ansicht von Fachleuten unter den in Deutschland lebenden Zuwanderern aus der Türkei größere Unterstützung als in der Türkei selbst. Es ist davon auszugehen, dass auch ein erheblicher Teil kurdischstämmiger, strenggläubiger Muslime aus der Türkei beispielsweise der FP nahe steht (vgl. Viehböck 1990: 589) Im europäischen Straßenbild als strenggläubige Sunniten erkennbare Zuwanderinnen und Zuwanderer aus der Türkei sprechen teilweise Kurdisch als Muttersprache. In welchem Umfang oder in welcher Relation Menschen kurdischer Abstammung in islamischfundamentalistischen, ethnisch zunächst nicht differenzierenden Zusammenhängen organisiert sind, kann bisher nur vermutet werden, da keine diesbezüglichen Untersuchungen vorliegen. Allerdings bedienen auch kurdische Organisationen mit politisch linksgerichteten Wurzeln, beispielsweise die PKK, in der Diaspora inzwischen mit großer Selbstverständlichkeit unter anderem ein sunnitisches, religiöses Klientel. Bozarslan (1998: 24ff.) weist zu Recht darauf hin, daß die wesentlichen kurdischen Gruppen zunehmend dazu übergehen, sich eines religiösen Vokabulars zu bedienen. Darüber hinaus haben sich inzwischen auch islamische Kurden politisch organisiert. Zunehmend in Erscheinung tritt die transnational und pankurdisch agierende Partiya Islamiya Kurdistanî (PIK), die Islamische Partei Kurdistans293, die Sheikhmous in erster Linie für ein Diasporaphänomen hält (Sheikhmous 1999a: 60). Sie arbeitet in der Türkei mit der FP zusammen. Ansätze zu einer kurdisch-islamischen Bewegung in der Diaspora sind zu erkennen. Über ihren Umfang und ihre Wirkung lassen sich bisher Aussagen treffen. Ihr Einfluss auf bestimmte Teile der ethno-politisch verstandenen kurdischen Bewegung ist bisher marginal. Gleichzeitig wird er von den meisten kurdischen Diasporaorganisationen ungern thematisiert. 


Quelle: AMMANN, BIRGIT. Kurden in Europa. Ethnizität und Diaspora (Kurdologie 4) Münster: Lit Verlag 2001 428 pp.

kurdischer Islam

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