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Alltagskultur: Şal û Şapik
Geschrieben am Samstag, 20. September 2008 von rinret

Kultur

Şâl û Şapik (auch Şepîk), eine weite Hose, eine Jacke und eine darüber getragene Weste.

sal_u_sapik.jpgSchon in Şivan Perwers Song über die Peşmerga hört man von dieser kurdischen Tracht und auch Evliya Celebi berichtet in seinen Reisen durch Nordkurdistan von dieser Kleidung. Doch muss hier gleich zu Beginn angefügt werden, dass es keine kurdische Einheitstracht gibt, auch wenn dies von Besatzerstaaten, allem voran sei hier die Türkei genannt, aber auch von kurdischen Nationalisten manchmal so bezeichnet wird. Wie auch unter vielen anderen Völkern, so ist es auch bei den Kurden so, dass die Tracht von Region zu Region variiert, und sie ist damit ein weiterer Beweis für die Vielfalt der kurdischen Kultur.

 

Şâl û Şapik wird von den Männern der Kurden, Chaldäern, Nestorianern und ebenso von den kurdischen Juden getragen, die man vor allem in Nordkurdistan vorfindet. Ursprünglich war es wohl vor allem die Tracht der Kurden aus Botan und einer regionalen Linie östlich von Cizre-Siirt,Van, und südlich von Mûş-Van bishin zur iran-/irakischen Grenze.

Die Tracht wird aus Mohai, Angora-Ziegenhaar, hergestellt und besteht aus drei Teilen: einer weiten Hose, die nicht mit dem eher in Europa bekannten Şalvar (Pumphose) verwechselt werden sollte, da sie einen anderen Schnitt hat, einer weiten offenen Jacke, die ohne Knöpfe angefertigt wird und einer Weste, die darüber getragen wird.

Wie bereits erwähnt, wird diese Tracht vom türkischen Staat als die typische kurdische Kleidung bezeichnet. Aus diesem Grund wird sie verpönt und ihr Tragen wird unterdrückt. So soll Safi Yader Ataman, ein türkischer Volkskundler, den Kurden in Van diese Tracht abgesprochen haben. Das Ergebnis seiner „These“ war, dass eine Volkstanzgruppe aus Van[i] diese bei ihren Auftritten nicht mehr tragen durften und stattdessen in Phantasiekostümen ihre Darbietungen vorführten und auch im Museum in Van sucht man diese kurdische Tracht  vergebens.

Auch Schneider, die in den kurdischen Gebieten ihrem Handwerk nachgingen, hatten mit der Anfertigung von Şâl û Şapik oftmals Probleme, da man diese Tracht häufig mit der Uniform der kurdischen Guerilla-Einheiten verband, die dieser ähnlich ist. Selbst junge Kurden, die im alltäglichen Leben diese Kleidung trugen/tragen, mussten mit Repressalien seitens der türkischen Polizei rechnen, in dem man sie unter Separatismusverdacht stellte.

 

Heute sieht man diese Kleidung immer seltener, manchmal bei Festlichkeiten wie Hochzeitsfeiern oder Festivals. Ein Grund für den Rückgang dieser Tracht in Nordkurdistan liegt an den fehlenden Webern, denn man findet immer seltener eine Webstube, die Stoffe aus Mohair produzieren. Hier muss angefügt werden, dass auch die Regierung nicht darin interessiert[ii] ist; dieses traditionelle Handwerk der Mohairweberei zu erhalten[iii]. Da die Mohairweberei als  eine Tätigkeit angesehen wurde, die man als Muslim nicht ausübte, waren es vor allem die Chaldäer oder Armenier, in irakisch-Kurdistan die Juden, die dieses Handwerk ausführten. So gaben auch viele Christen durch Unstimmigkeiten mit den kurdischen Muslimen dieses Handwerk wieder auf bzw. verließen ihre Heimat[iv].


Quelle: Benninghaus, Rüdiger: Über Herstellung, Gebrauch und Verbreitung der şal û şapik-Männerkleidung in Türkisch-Kurdistan. 2001; Dankhoff, R. (Hrsg.):Evliya Celebi in Bitlis. Leiden, 1990


[i] andere Volkstänzer, wie zum Beispiel aus Bitlis, Hakkari oder Mûş, wo auch diese Tracht getragen wird, kannten dieses Problem nicht

[ii] ob dies ein politische Grund ist, sei hier dahingestellt

[iii] allein im damaligen Vilayet Van sollen im 19. Jh. 90 Mohair-Weberein mit 270 Beschäftigten existiert haben, in Hakkari sollen 30.000 kg. Mohair produziert worden sein und in Mardin 230.000 okka (1okka = 1,282kg)

[iv] R. Benninghaus berichtet auch von einigen muslimischen Kurden, die das Handwerk ebenfalls erlernten und dieses bis heute betreiben

 

 


Şal û Şapik

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